Annas Flaschenpost
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Michael Döhmanns Kinderbuch Annas Flaschenpost

Ein völkerverbindendes Kaugummi

 

AnnasFlaschenpostWie ein verstorbenes Meerschweinchen aus Donaueschingen ein altes Ehepaar in der Ukraine glücklich machen kann, warum ein Kaugummi und ein Ehering in einer Flaschenpost landen und auf welche Weise eine eklige Gewürzgurke zur leckersten Gewürzgurke des ganzen Universums mutieren könnte, all dies und noch viel mehr erzählt das im vergangenen Jahr bei Klemm + Oelschläger erschienene Buch Annas Flaschenpost von Michael Döhmann. Diese so poetische, lehrreiche und gewitzte Geschichte begleitet eine Flaschenpost vom Zusammenfluss der Donau an durch alle Donauländer.

Text und Aquarelle aus einer Hand

Das, wovon mancher, der nur schreiben kann träumt, nämlich seine Texte auch selbst zu illustrieren, ist für den Künstler Michael Döhmann, der unter anderem in der Kunstschule Kontiki schon lange mit Kindern arbeitet, eine Selbstverständlichkeit. Er kann die Bilder für seine Bücher selbst beisteuern, also sind Text und Illustration - es handelt sich um sehr schöne Aquarellzeichnungen - aus einer, eben aus Döhmanns, Hand.

Zu Beginn ist die Donauquelle in Donaueschingen zu sehen und an dieser steht die neunjährige Anna und vergießt eine Träne, weil ihr Meerschweinchen gestorben ist. Am nächsten Tag lässt Anna am Zusammenfluss von Brigach und Breg eine Flaschenpost in die Donau, hineingesteckt in die grüne Flasche hat sie je ein Foto von sich und ihrem Meerschweinchen und einen kleinen Brief mit den Worten „Mein Name ist Anna, mein Meerschweinchen heißt Twinky. Wir wollen zum Schwarzen Meer. Wenn Du diese Flasche findest, kannst Du etwas Schönes hineintun – aber nicht zu viel, sonst geht sie unter. Lege die Flasche bitte wieder ins Wasser und lass sie weiterschwimmen. Vielen Dank. Anna“.

Hip-Hoppers Flaschenbeigabe

Mit diesen Beigaben bestückt macht sich Annas Flaschenpost also auf den Weg, muss sich in Ulm, es ist Schwörmontag, durch die Nabader kämpfen, schwimmt in Regensburg an der ältesten Wurstbraterei der Welt vorbei und landet schließlich in Passau an, wo sie sich unter dem Schiffsanlegesteg verfängt und von einem Jungen in Hip-Hop-Kleidung, der mit seinen Eltern eine Urlaubsfahrt auf der M. S. Donaukaiser nach Wien machen muss, rausgefischt wird. Wie zehnjährige Hip-Hopper so sind, nimmt er seinen Kaugummi aus dem Mund und gibt ihn in die Flasche, vom bald folgenden schlechten Gewissen geplagt, faltet Hendrik, so sein Name, aus dem Kaugummipapier dann jedoch noch ein Schiffchen und schiebt es ebenfalls durch den Flaschenhals.

Solchermaßen angereichert schwimmt das Gefäß, nachdem es wieder zu Wasser gelassen worden ist, nun weiter, nimmt in Wien eine weitere Beigabe eines alten einsamen Mannes auf und in der Slowakei gleich zwei, nämlich eine von Malinka und eine von ihrer Enkelin Jalenka und so geht es weiter. In jedem der zehn Donauländer findet jemand die Flasche und fügt etwas hinzu, bis sie schließlich in der Ukraine anlangt, wo der alte Fischer Lubomir die grüne Flaschenpost findet.   

Der ideelle Wert der Dinge

Als er sie öffnet kommen lauter materiell wertlose Gegenstände zum Vorschein, die aber für diejenigen, die sie hinzufügten, etwas bedeuteten − meist zumindest, sieht man von Hendriks Kaugummi ab − und die Geschichten erzählen, in denen auch Leid nicht ausgespart wird, etwa bei jenem alten Mann aus Wien, der um seine Frau trauert und als Kutscher des Hotels Sacher ausrangiert wurde. Das Geld für einen Milchkaffee reicht nur, wenn er leere Flaschen sammelt. Der rumänische Archäologe Vadim wiederum hat beim Bau des Staudamms am Eisernen Tor seine Heimat verloren, weil das Dorf dem Wasser weichen musste. Der Fortschritt, der den Schiffen und ihrer Besatzung ein gefahrloseres Durchfahren des Tors ermöglichte, ließ also andere heimatlos zurück.

Auch Erinnerungen an den Krieg werden nicht ausgespart. So steht eine Feder für den Mut, den Mitarbeiter der Schwedischen Botschaft und ungarische Polizisten während des Zweiten Weltkriegs aufbrachten, um Juden zu retten. Das Blatt eines jungen Mandelbaums wiederum, der in der auch zwanzig Jahre nach Kriegsende noch versehrten Stadt Vukovar erblüht, weckt Hoffnung auf neues Entstehen.

Eine besondere Flaschenpost

Annas Flaschenpost ist also ein sehr poetisches Buch, in dem auch ein Mann, nämlich der Archäologe Vadim, eine Träne über sein verlorenes Elternhaus vergießen darf, nachdem der kleine Mauerstein, den er jahrelang in der Hosentasche mit sich herumgetragen hat, durch den Flaschenhals gewandert ist und nun auf dem Fluss, der früher an dieser Stelle so gefährlich war, weitertreibt. Es enthält aber auch manch gewitzte Passage und vermittelt den jungen und vielleicht auch älteren Lesern nebenbei auf ganz unaufdringliche Weise Bildung, indem es etwas über die anderen Donauländer erzählt. Auch ein Schuss Idealismus kommt hinzu, nicht nur in der Geschichte der jungen Tier- und Umweltfreundin Jovana, einige sind auch bereit, die Flasche zu befreien, sogar als sie in einem Müllcontainer landet.

Vor allem aber ist die Flaschenpost eine völkerverbindende, denn nicht nur sorgen Bewohner aus jedem Donauland dafür, dass sie weiterreisen kann, sie geben ihr auch alle etwas mit. Das Ende der Geschichte um die Flasche ist ein etwas überraschendes und für manchen ist es vielleicht auch zu viel des Guten, andererseits zeigt sich gerade im unerwarteten Ende das Völkerverbindende − Annas Vater stammt aus der Ukraine, die Mutter aus Rumänien, gemeinsam lebt die Familie in Deutschland − dieses wunderhübschen Buches noch einmal in besonderem Maße. Und nicht nur das, denn wie gesagt, das Ende ist ja ein überraschendes.

Michael Döhmann: Annas Flaschenpost. Für Kinder ab 8 Jahren, Klemm + Oelschläger, 88 Seiten, 9,80 Euro. Erschienen im September, 2010.

29. August 2011

 

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