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Rainer Nübels und Christina Brecht-Benzes Buch Aufbrechen

Sehnsucht erlaubt

 

NübelAufbrechen1Ist der Romantik verfallen, wer Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft hat? Nein, glauben Rainer Nübel und Christina Brecht-Benze. In ihrem Buch Aufbrechen. Wie Sehnsucht unsere Gesellschaft verändert, erschienen im Herbst 2012 bei Klöpfer & Meyer, ermutigen sie deshalb ihre Mitbürger dazu, diese Sehnsucht, zumindest ein Stück weit, auch zu leben - und die Politiker dazu, mehr Sehnsucht zu wagen.

Eine Ermutigung zum Aufbruch

Die Idee, eine solche Ermutigung, wie sie ihr Buch tatsächlich nennen, zu schreiben, kam den Autoren in den vergangenen Jahren. Beide glaubten, eine Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft während vieler Gespräche ausfindig gemacht zu haben. Deshalb begannen sie zu recherchieren, sehr zum Erstaunen vieler Medienkollegen und auch mancher Freunde und Bekannten. „Wie können zwei Journalisten derart der Romantik verfallen?“ wurden sie häufiger gefragt. Noch dazu, wo sich Rainer Nübel, unter anderem Mitarbeiter des Stern und Co-Autor der ebenfalls bei Klöpfer & Meyer erschienenen Bücher Wir können alles. Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle sowie Taschenspieler. Verraten und verkauft in Deutschland, doch ansonsten mit Themen wie Mafia, Korruption und Terror beschäftigt. 

Die Verwunderung der Kollegen, Freunde und Bekannten wäre indes nicht nötig gewesen. Die Sehnsucht, um die es Nübel und Christina Brecht-Benze, die als Fernsehjournalistin für den SWR, 3sat und arte tätig ist, geht, hat nichts mit romantischer Schmachterei und passiver Melancholie zu tun, sondern ist, wie bei Ernst Bloch, als treibende Kraft hin zum utopisch Gewollten zu verstehen. Entsprechend handelt es sich bei ihrer Schrift nicht um eines dieser bunten Bücher, die haufenweise in den Buchhandlungen herumliegen und von allerlei Träumen, Wünschen und Sehnsüchten erzählen.

Brüche und Aufbrüche

Recherchieren, genau hinschauen und hinhören was sich in der Gesellschaft abspielt und was die Menschen umtreibt wollten sie, um so Tendenzen und Veränderungen aufzuspüren. Heraus kamen mehrere unterschiedlich lange Essays, die sich auf verschiedenste Weise mit der Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft und nach mehr Beteiligung der Bürger bei deren Gestaltung beschäftigen. So sehen die beiden Autoren im Protest gegen das Stuttgart-21-Projekt einen Ausdruck der gelebten Sehnsucht, dass sich in der Politik etwas ändern muss. So viele Brüche, so viele Aufbrüche betiteln sie diesen Essay, der weit über das Bahnprojekt hinausreicht und sich mit der Piratenpartei genauso beschäftigt wie mit Sinnsuchern, die Sekten verfallen und den immer zahlreicheren Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren um die politische und gesellschaftliche Realität positiver zu gestalten. 

Das Glück und eine Reise von Bullerbü nach Matala

Eine entscheidende Rolle spielt in ihren Überlegungen immer auch das Glück, wobei Glück nicht gleich Glück ist. Mögen die führenden Politiker und Wirtschaftskapitäne nach wie vor das Glück der Bevölkerung am Bruttoinlandsprodukt des Landes und somit am materiellen Fortschritt messen und viele Menschen nach ihrem persönlichen Glück suchen, weshalb der Esoterikmarkt vom Lach-Yoga bis hin zu zahlreichen Ratgebern boomt, so suchen es andere doch eher in einem höheren Sinn, will heißen in einem verantwortungsbewussten Leben. 

Höchst interessant ist da der Essay Von Bullerbü nach Matala, der eine real stattgehabte „sentimental Journey“ an diverse Sinn- und Sehnsuchtsorte beschreibt. Die Reise beginnt tatsächlich in jenem kleinen schwedischen Ort, der die Kulisse für Bullerbü lieferte, nämlich in Sevedstorp und führt über diverse Orte, darunter die Färöer, Glücksstadt, Tübingen und Basel nach Matala. Glück, so die Erkenntnis dieses wilden Ritts durch besondere Orte, bedeutet nicht, dass der Mensch immer obenauf ist, nicht umsonst ist das Rad das Attribut der Glücksgöttin. Mal ist der Mensch oben, mal unten und beides gehört wohl zu einem glücklichen Leben dazu, so wie nach Meinung der Autoren auch mehr Romantik dazu gehört − freilich nicht im Sinne bloßer Schwärmerei, sondern als Ergänzung zum Rationalen, als unverzichtbarer Teil des Ganzen. 

Guido im Sehnsuchts-Mobil

Im letzten Beitrag wird’s dann noch utopisch und auch amüsant, als nämlich die Bundeskanzlerin verkündet, ein Ressort für Lebenszufriedenheit einzurichten und damit bei Beckmann, Illner und Plasberg für Diskussionsstoff sorgt, bis schließlich sogar Guido Westerwelle im Sehnsuchts-Mobil durch Deutschland tourt und Chefsprecher der Bewegung Occupy the Life wird. Solch Unmögliches, schließen die Autoren, verlangt wohl niemand, die meisten wären schon glücklich, wenn sie mehr Sehnsucht leben könnten.

Mehr Achtung vor dem Ehrenamt

Beim Lesen entsteht freilich das Gefühl, dass die Autoren aus einer speziellen Perspektive schreiben, nämlich aus der Perspektive jener, die in der Jugend große Ideale hatten, doch Karriere und Einkommen waren letztlich wichtiger. Nun ist ein gewisser Lebensstandard erreicht, der auch nicht aufgegeben werden soll, aber zumindest ein paar Dinge könnte man ja ändern, zum Beispiel nicht stets das neueste Handy kaufen, um politisches Gehör kämpfen oder ehrenamtlich tätig werden, beispielsweise in der Vesperkirche. Dem Ehrenamt wünschen Brecht-Benze und Nübel ohnehin mehr Anerkennung. Dass dieses Engagement im Vergleich zu lauten Protestbewegungen viel weniger Aufmerksamkeit erregt, stößt bei ihnen auf Unverständnis.

Alles umzukrempeln wollen die Autoren also nicht, aber ihre Leser, und diese dürften häufig einen ähnlichen Lebensweg hingelegt haben, dazu ermutigen, vielleicht tatsächlich das eine oder andere zu ändern, das möchten sie schon. Dann ist da noch die Ermutigung der Politiker, mehr Sehnsucht zu wagen und den Bürgern in ihrem Wunsch nach Aufbruch entgegen zu kommen. Es müsste nun halt nur noch der eine oder andere Politiker das Buch lesen. 

Rainer Nübel, Christina Brecht-Benze: Aufbrechen, Klöpfer & Meyer, 183 Seiten, 16 Euro. Erschienen im September 2012.

22. Februar 2013

 

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