Der geschenkte Traum
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Helmut Gotschys Roman Der geschenkte Traum

Wenn Träume wahr werden

 

GotschyGeschenkterTraumWilhelm Meerbusch ist im Baumarkt von der Leiter gefallen, bei einem seiner vielen Jobs, die er schon ausprobiert hat. Dabei gibt ihm der Orthopäde die Worte „Ach noch etwas, Herr Meerbusch. Gehen Sie davon aus, dass Sie mit Vierzig sowieso nicht mehr laufen können!“ mit auf den Weg. Allenfalls einen Bürojob hält er für geeignet. Wilhelm aber will sein Leben nach seinen Wünschen leben, trotz einer Erkrankung, das heißt, er will sich seinen Traum, Gitarrenbauer zu werden erfüllen. Das alles erfährt der Leser im Buch Der geschenkte Traum von Helmut Gotschy, und was Gotschy erzählt, ist nicht nur die Geschichte Wilhelm Meerbuschs, sondern vor allem seine eigene.

Ein autobiografischer Roman

Helmut Gotschy, Jahrgang 1953, ist in Neu-Ulm geboren und aufgewachsen. Als Kind erkrankte er an Polio und überlebte nur mit einigem Glück. Die Erkrankung aber sollte sein Leben nicht beherrschen. Er wurde zu einem renommierten Drehleierbauer, musste jedoch seine Werkstatt vor einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen verkaufen. Seither widmet sich Gotschy dem Schreiben, und er scheint einiges zu verarbeiten zu haben, denn sein beherrschendes Thema ist seine eigene Geschichte.

Schon im Jahr 2008 veröffentlichte Gotschy einen autobiografischen Roman, der den Titel Papaya und Rosinen trägt und im Fünf Raben Verlag erschien. In diesem schildert der Autor sein Leben, angefangen von der Erkrankung, über die Zeit der Berufsfindung und der vielen abenteuerlichen Trips, von denen der abenteuerlichste eine Reise auf dem Landweg nach Indien und zurück war, bis hin zu seinen ersten Versuchen im Drehleierbau, die letztlich zum großen Erfolg führten. Das alles schildert er rückblickend, während eines Ayurvedaaufenthalts in Indien, sodass sich die Schilderungen des Aufenthalts abwechseln mit den chronologisch geschilderten Ereignissen der Vergangenheit. Das wird trotz des hochinteressanten Lebens, das da erzählt wird, mit der Zeit etwas monoton und langweilig. Dennoch war der Romanerstling insgesamt so überzeugend, dass er Gotschy ein Stipendium am Inkas Institut für kreatives Schreiben in Bad Kreuznach einbrachte.

Auf du und du mit dem Ganter

Der seit März dieses Jahres vorliegende Roman Der geschenkte Traum, der im Bad Schussenrieder Gerhard Hess Verlag erschien, zeigt, dass der Autor literarisch hinzugelernt hat. Zwar macht er bei einigen Rückwendungen arge Sprünge, sodass es gelegentlich etwas Mühe kostet, sich zu orientieren, die Ayurvedaaufenthalte spielen jedoch keine Rolle mehr und die Lebensgeschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern beginnt in Freiburg. Dorthin hat es den jungen Mann, im Roman heißt er Wilhelm Meerbusch, verschlagen und dort jobbt er gerade im Baumarkt, während er darauf wartet, seine Lehre als Gitarrenbauer beginnen zu können. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er lange nicht gewusst, was er will, hatte ein Studium begonnen, wieder abgebrochen und schließlich hier und dort gejobbt, bis sich allmählich der Traum vom Gitarrenbauer herauskristallisiert hatte. Dummerweise jedoch stirbt der Inhaber der Werkstatt noch bevor er seinen Ausbildungsplatz antreten kann und das war es dann erst mal. Dabei geht es ihm ohnehin nicht gut, die Freundin ist mit einem Studenten auf und davon, das Auto wurde mangels Verkehrstüchtigkeit von der Polizei einkassiert und der Ganter auf dem Bierglas in der Kneipe, wo er vierzehn Bier trinkt, ist zwar ein guter Kumpel zum Reden, am darauf folgenden Tag aber verschwunden.

Kreuzberg als Rettung

Irgendwann jedoch landet Wilhelm bei einem Freund in Kreuzberg, findet eine völlig versiffte Unterkunft, die es erst einmal einigermaßen herzurichten gilt, und eröffnet dort seinen ersten kleinen Laden, in dem er selbst Hergestelltes aus Holz verkauft, nämlich Bücherregale, Wackelkrokodile, Serviettenringe und Dulcimer. Bei Letzteren handelt es sich um Instrumente, die zu den Zithern gehören, wie ein Glossar am Ende des Buches erläutert, und an diesen versucht sich Wilhelm nun, statt der Gitarren. Sein eigentlicher Traum freilich gilt inzwischen dem Drehleierbau, seit er in Freiburg eine junge Französin eine solche Leier spielen hörte und restlos begeistert war – von der Leier wohlgemerkt, wenngleich auch die Französin nicht übel war.

Berlin erweist sich als sehr fruchtbar, bald hat Wilhelm einen Freund, der Harfen baut und mit dem er sich austauschen kann, ist Mitglied einer irisch-bretonischen Folkgruppe, bekommt mehr und mehr Kontakte zur Mittelaltermusikszene im ganzen Land und auch in den Nachbarländern, der Laden beginnt zu laufen und irgendwann klappt es nach vielen Versuchen und Wutanfällen auch mit dem Bau von Drehleiern. Sein Name bekommt einen immer besseren Klang und er gehört schließlich zu den weltbesten Drehleierbauern. Längst hat Wilhelm auch geheiratet und ist Vater zweier Töchter, denen die Berliner Luft nicht guttut. So erfolgt ein Umzug nach Wain im Kreis Biberach, wo die Familie eine alte Mühle kauft, in der erneut eine erfolgreiche Werkstatt entsteht.

Ein versöhnliches Ende

Irgendwann aber fordert die viele Arbeit ihren Tribut, die anstrengenden Trips in der Jugend und die Kreuzberger Nächte tragen wohl auch ihren Teil dazu bei und Wilhelm spürt, dass es ihm gesundheitlich nicht mehr gut geht. Der Arzt diagnostiziert ein Post-Polio-Syndrom, wohl hervorgerufen durch andauernde Überlastung. Bald ist klar, dass er seine Firma aufgeben muss. Das Buch aber endet nicht klagend, sondern mit einer Silvesterfeier auf einer Burg. Als eine Drehleier erklingt, fühlt sich Wilhelm an das Stück erinnert, das die junge Französin damals in Freiburg spielte und das ihn so faszinierte, dass sein Traum vom Drehleierbau erwachte. Ein Traum, dessen Realisierung er sich schließlich selbst zum Geschenk gemacht hatte und der es, den gesundheitlichen Folgen zum Trotz, wert war, gelebt zu werden.

Helmut Gotschy: Der geschenkte Traum, Hess, 376 Seiten, 17,95 Euro. Erschienen im März 2013.

 

Bereits 2008 erschienen:

PapayaFuenfRaben
Helmut Gotschy: Papaya und Rosinen, Fünf Raben, 352 Seiten, 17,80 Euro.

7. Juli 2013

 

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