Die Zeit vielleicht
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Dietmar H. Herzogs Gedichtband Die Zeit vielleicht

Worte auf Reisen

 

dietmar HHerzogPorträtDas Gefühl für die Vergänglichkeit der Natur, der Liebe, der Worte, schläft meist irgendwo verborgen im Menschen, während er seinen vielen alltäglichen Besorgungen nachgeht. Manchmal aber bleibt Zeit für Musik, Kunst und Literatur, Zeit für das Werk eines Künstlers, das Buch eines Dichters, dem es auf poesievolle Weise gelingt, die Endlichkeit der Dinge fühlbar zu machen, so wie Dietmar H. Herzog mit seinem Gedichtband Die Zeit vielleicht, erschienen 2011 im Gerhard Hess Verlag. 

Kunst und Literatur

Als Bildender Künstler ist Dietmar H. Herzog schon länger bekannt, und weil er sich in seiner Kunst immer wieder mit der Literatur auseinandersetzte, zunächst die Weltliteratur und dann auch eigene Texte zum Bestandteil seines bildnerischen Schaffens machte, war der Weg zum ersten eigenen Gedichtband vielleicht nur eine Frage der Zeit. Im vergangenen Jahr nun erschien das Buch Die Zeit vielleicht. Gedichte 2009 - 2010 und auch dieses ist ein kleines Kunstwerk, sorgfältig gestaltet und ergänzt mit handschriftlichen und computergeschriebenen Entwürfen und einigen wenigen Fotografien, die Einblick in den Entstehungsprozess einzelner Gedichte geben und den Zusammenhang mit seiner Kunst zeigen.

„Nimm jetzt Fahrt auf stürmischer Dichter“, so beginnt das erste Gedicht, das den Autor daran mahnt, wie sorgsam er seine Worte schmieden soll, eher er sie auf die Reise „auf direktem Weg zu den Herzmenschen“ schickt und das Schmieden der Worte ist harte Arbeit, wie nicht nur der diesem Gedicht beigefügte Entwurf zeigt. Um all die wundervollen Gebilde auf die Reise schicken zu können, wird handschriftlich verbessert und kommentiert, durchgestrichen, unterstrichen, eingekringelt, gezeichnet und, wenn es sein muss, auch ein roter Strich quer durch den ganzen Entwurf gezogen. Am Ende aber stehen fertige Gedichte, die der Bewegung, der Liebe, den Farben, den Worten, der Zeit gehören.

Ein Geschenk an den Leser

Dabei steht Letztere im Mittelpunkt, denn auch in jenen Gedichten, die sich ihr nicht explizit widmen, und das sind die meisten, nistet sie sich stets unausgesprochen ein. Mit ihr verändern sich die Dinge des Lebens – die Liebe, die Farben der Natur und auch die Sprache, jener für Herzog so lebendige Organismus, der sich ständig im Wandel befindet, immer wieder „angeschaut, ausgelotet und aufs Neue auf den Weg zum Leser und Zuhörer geschickt werden“ muss und dessen Beherrschung es ihm ermöglicht, so vielfältige Gefühle im Rezipienten zu wecken, die letztlich alle in die Vergegenwärtigung der eigenen Endlichkeit münden.

Traurige Gedichte also? Nein, Gedichte, die den Leser erfüllen, beglücken und reich beschenken. Und da es sich mit diesem Lyrikband anders verhält als mit dem Leben, das man nicht noch einmal leben kann, wenn die Zeit abgelaufen ist, kann er ihn immer wieder zur Hand nehmen und ihm soviel Zeit schenken, wie er mag.

Dietmar H. Herzog: Die Zeit vielleicht. Gedichte 2009 - 2010, Gerhard Hess Verlag, 81 Seiten, 14,80 Euro. Erschienen im Mai 2011.

Foto: Privat.

12. Januar 2012

 

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