Fallwind
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Johannes Schweikles Roman Fallwind

Die Spötter von Ulm

 

AU_Schweikle_MZum 200sten Mal jährt sich 2011 der Flugversuch des Schneiders von Ulm. Aus diesem Anlass hat ihm Johannes Schweikle eine fiktive Romanbiografie gewidmet. Mit Fallwind, erschienen im Februar 2011 im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, möchte der Autor dem lange Zeit verspotteten Flugpionier Gerechtigkeit zuteil werden lassen.

Schweikle und Eyth

Johannes Schweikle, im Schwarzwald geboren, nach Zwischenstationen im In- und Ausland nun in Tübingen lebend, ist eigentlich Publizist, der unter anderem für die Zeit und Geo schreibt. Die Idee, erstmals einen Roman zu verfassen und ihn Albrecht Berblinger zu widmen, entstand Schweikle zufolge nach dem Besuch einer Hochzeit im Ulmer Rathaus, wo die Nachahmung des Fluggeräts von Berblinger hängt. Anders als Max Eyth, der sich in seinem 1906 erschienenen Roman Der Schneider von Ulm eine Lebensgeschichte für seinen „Brechtle“ ausdachte, die auch in dem wenigen, was man über Berblinger weiß von der Realität abweicht, belässt es Schweikle bei den bekannten biografischen Daten und verzichtet auf die Konstruktion einer vollständigen Biografie. Aus den biografischen Daten gestaltet er ein fiktives Alltagsleben, das keinem chronologischen Ablauf folgt. Der Verlauf wird außerdem immer wieder unterbrochen durch fiktive Berichte von Mitbürgern sowie Beiträge über die Geschichte des Fliegens und der Mobilität.

Einige dieser historischen Abrisse machen deutlich, wie viele vor Berblinger schon den Traum vom fliegen träumten, andere zeigen dass des Schneiders Platz in der Geschichte mit etwas mehr Glück, mehr Unterstützern oder mit anderer Herkunft ein ganz anderer hätte sein können. Das zu zeigen hat seinen Sinn, denn der Schneider wurde wegen des missglückten Flugs zur Spottfigur und wie man aus dem Klappentext des sehr ansprechend gestalteten Buches erfährt, wollte Schweikle mit seinem Roman ergründen, warum Berblingers Mitbürger so gnadenlos reagierten. Entsprechend konzentriert er sich darauf, zwei Dinge zu zeigen: Er beschreibt, wie ein Mann beschaffen sein könnte, der in einer Zeit, als die Welt noch nicht einmal das Fahrrad kannte, einen Flugapparat baute − ein einfacher Schneidermeister, der als Kind ein Jahr im Waisenhaus verbracht hatte und dem keine besonderen Mittel zur Verfügung standen und er beschreibt, wie eine Gesellschaft beschaffen sein muss, die auf einen missglückten Flugversuch so gnadenlos reagiert. Das alles vor dem Hintergrund einer sehr wechselhaften Zeit, die für Ulm, nach dem Verlust der einstigen wirtschaftlichen Bedeutung, den Verlust der reichsstädtischen Freiheit brachte und die Stadt zunächst Bayern und dann Württemberg zuschlug.

Der erfolgreiche Schneidermeister

Den Schneidermeister schildert der Autor als nachdenklichen Mann, eine Eigenschaft, die er schon dem Knaben Albrecht mitgibt, der erst überlegt bevor er handelt, dessen Vater schon ständig tüftelt und der bereits als Junge vom Gleiten eines Adlers, der schwebt „ohne einen Schlag mit den Flügeln zu tun“ fasziniert ist. Zu Beginn der Handlung ist der erwachsene Berblinger unterwegs in der Stadt, bei sich hat er seinen Lehrling und einen Koffer voll nobler Stoffe. Die Szene spielt kurz nach der Schlacht von Elchingen. Die österreichischen Soldaten hausen mehr schlecht als recht in den Gassen Ulms. Ein verendeter, bereits stinkender Gaul liegt quer über die Gasse, in der die geschlagenen Soldaten dem Alkohol zusprechen, so dass Berblinger und sein Lehrling umkehren müssen. Im Falle des Schneiders heißt das nicht, dass er aufgibt, sondern einen anderen Weg nimmt, so wie er häufig andere Wege begeht und nicht auf den alten Pfaden bleibt.

Noch ist die Elendsszene mit den trinkenden Verlierern nur ein Vorgeschmack auf Albrecht Berblingers Elend, noch hat er damit nicht viel zu tun, er ist noch ein angesehener Schneidermeister, der für die bedeutenden Familien in der Stadt näht, entsprechend spielt die Mode in diesem Buch eine große Rolle. Wenn Berblinger im Sonntagsgottesdienst ist, lässt er seine Augen durchs Münster schweifen, um die Kleider der Gottesdienstbesucher zu begutachten. Dabei wird er schon mal auf einen Vogel aufmerksam, der durch das Mittelschiff fliegt und der ihm die Augen öffnet: So möchte er auch sein, sich über die Enge der Stadt erheben, aus den niedrig gezogenen Bahnen ausbrechen und vor allem möchte er etwas schaffen, das mehr als eine Saison lang Gültigkeit hat, denn Schneider zu sein reichte ihm nie. Dieser Vogel ist frei und scheißt auch noch buchstäblich auf die feine Ulmer Gesellschaft, in diesem Falle auf Wilhelm Neitharts, des Zweiten Bürgermeisters, Jacke.

Die Neitharts

Bei jenen Neitharts kommt Berblinger nach seinem Umweg an. In Suzette Neithart findet er eine Seelenverwandte − eine, die auch über den Ulmer Tellerrand schauen möchte und sich nach dem Neuen sehnt. Vorläufig besteht dieses Neue für sie nur in einer avantgardistisch geformten Mütze aus Nanking-Seide, die der Schneider für Neithart Junior nähen wird. Von ihm erhofft sich seine Mutter, dass er eines Tages aus dem Ulmer Trott ausbrechen wird. Dafür hat Wilhelm Neithart, der mit Barchent reich wurde, keinen Sinn. Er ist das Gegenteil von Berblinger und steht stellvertretend für viele Bürger der Stadt, die am Alten hängen, die zwar um die geschwundene Bedeutung der ehemaligen Freien Reichsstadt wissen, diese Tatsache aber dennoch nicht recht wahrhaben wollen. Eine Mütze im eigenen Hause zu haben, die aus dem feinen Stoff der asiatischen Konkurrenz gefertigt ist, fehlte da gerade noch. Wenn Neithart sich modisch anpasst, dann an die Herrschenden, so lässt er sich die lange Franzosenhose, die er anpassen ließ als Napoleon in der Stadt war, umschneidern als der Culotte-Träger Friedrich I. von Württemberg neuer Herr wird.

Neid, Biederkeit und Ehrenkäsereien

Neben Neithart gibt es da zwar auch noch Menschen wie Max Schad, Berblingers besten Freund, der Donaufischer wurde, weil er noch eine andere als die Ulmer Welt kennenlernen wollte. Er versteht seinen Freund und verteidigt ihn stets, doch die meisten haben für die Visionen und den Mut Berblingers nicht viel übrig, sei es, weil sie neidisch sind, wie etwa der Redakteur und Maulheld Jakob Schwenk, der mit seinen nie vollbrachten revolutionären Taten protzt und dessen Revolutionsdrama unveröffentlicht in der Schublade liegt, sei es, weil sie selbst keinen Mut haben oder einfach engstirnig veranlagt sind. Auch Berblingers Frau Anna hält nichts von den Tüfteleien ihres Mannes, so wie schon Berblingers Mutter nichts von den Tüfteleien seines Vaters hielt. Sie ist eine einfache, eher ängstliche Frau, eifersüchtig auf die propere Bürgermeistersgattin und besorgt, ihr Albrecht könnte fremdgehen.

Wenn Berblinger im Wirtshaus ist, will ihm ein Stammtischbruder die Oberweite der Neithart entlocken, andere lästern bei jeder Gelegenheit. Die vielen Schilderungen banaler Alltagsszenen und -gedanken könnte man allzu bieder finden, dienten sie nicht Schweikles Absicht, zu erkunden, was das für Menschen gewesen sein müssen, die Berblinger so verspotteten und verleumdeten. Das Schwäbische verwendet der Autor dabei in wohldosierter Form, die Dialoge und Passagen der direkten Rede könnten jedoch manchmal weniger umständlich formuliert sein.

Gelästert wird nicht nur im Wirtshaus, auch die ehrenkäsigen Mitglieder der besseren Ulmer Gesellschaft, oder jene, die sich dafür halten, hacken aufeinander ein, etwa bei der Vorbereitung des königlichen Antrittsbesuchs. Wilhelm Neithart will den neuen Herren durch seine Fabrik führen. Das gefällt nicht jedem, man macht sich gegenseitig madig und schließlich schlägt Neithart vor, Berblinger über die Donau fliegen zu lassen. Es könnte ja gut gehen, der Schneider könnte der Stadt etwas von der verlorengegangenen Bedeutung wiederbringen, und er wäre derjenige gewesen, der den Vorschlag unterbreitet hatte. Geht es dagegen schief, ist es Berblinger, mit seinen neumodischen Ideen und neuen chinesischen Stoffen, der ins Wasser fiel.

Die verlorene Mütze

So also, könnte es dazu gekommen sein, dass Berblinger seinen Flug nicht wie geplant am 4. Juni, wohl auf dem Michelsberg, demonstrierte, sondern einige Tage früher von der Adlerbastei aus flog – mit den bekannten Folgen. Die Hoffnung mancher, auf neue Bedeutung erfüllte sich nicht und weil der Spott der Mitübrger solche Ausmaße annahm, konnte Berblinger kaum einen neuen Versuch wagen. Ulm wurde nicht zur Stadt, die den ersten Gleitflieger hervorbrachte und hat heute ihr Berblinger-Denkmal arg versteckt aufgestellt. Mit einem Verweis auf dieses Denkmal, dessen Standort nach Meinung des Autors wohl beweisen soll, dass sich die Stadt mit ihrem Schneidermeister heute noch schwertut, was so nicht unbedingt stimmt, hat das Buch begonnen. Das Ende gehört Neithart Juniors Kappe. Während der präpotente Neithart Senior, der nicht umsonst gerne einen Vortäuscher in der Hose trägt, schon immer wusste, dass des Schneiders Hirnfürze nichts taugen, gibt seine Frau eine Suchanzeige auf. Die für den Ausbruch aus dem Ulmer Trott stehende Mütze aus Nanking-Seide, sie ging am Tag von Berblingers Absturz am Donauufer verloren.

Johannes Schweikle: Fallwind, Klöpfer & Meyer Verlag, 190 Seiten, 18,90 Euro. Erschienen im Februar 2011.

Foto: Johannes Schweikle, fotografiert von Thomas Müller.

14. April 2011

 

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