Geschichten aus Stuttgart
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Geschichten aus Stuttgart, herausgegeben von Irene Ferchl

Von (A)uerbach bis (Z)ach: Lauter Geschichten aus Stuttgart

 

StuttgarterGeschichtenFerchlTiefe Rückschlüsse auf schwäbisches Wesen lasse es zu, so meinte Thaddäus Troll in seinem Buch Deutschland deine Schwaben, dass die Stuttgarter an einen der schönsten Aussichtspunkte ein Blindenheim gebaut hätten, weshalb die Besucher die Blinden oft um ihre schöne Aussicht beneideten. Trolls Sicht auf Stuttgart und seine Bewohner kam nun wieder zu Ehren in dem Buch Geschichten aus Stuttgart, erschienen im September bei Klöpfer & Meyer, das den Text auszugsweise abdruckt. Es ist einer von vielen ganz subjektiven Blicken von Einheimischen, Zugezogenen und Durchgereisten auf die Stadt, denn Herausgeberin Irene Ferchl trug ein umfassendes Sammelsurium an Gedichten, Essays, Briefen und Prosa aus mehreren Jahrhunderten zusammen, die alle das Thema Stuttgart und die Stuttgarter behandeln. 

In der Neckarstraße

Stuttgart? Nun ja, um die baden-württembergische Hauptstadt machte man lange nicht viel Aufhebens, es gab weiß Gott aufregenderes als Stuttgart, über dessen Neckarstraße schon Beckett ein Gedicht verfasste, in dem es heißt “Vom Nichts an diesem Ort/der alte Glanz lange fort./Und der Verdacht ist groß:/hier war schon früher nichts los”. Dann aber kam der Streit um den Bahnhof, auf einmal war die Stadt in allen Medien und viele fragten sich, was das eigentlich für welche sind, diese Stuttgarter. Da kommt ein Buch gerade recht, das Geschichten aus Stuttgart versammelt, zusammengetragen von Irene Ferchl, die als freie Kulturjournalistin in der Landeshauptstadt lebt und unter anderem Chefredakteurin beim von ihr gegründeten Literaturblatt Baden-Württemberg ist.

Anlass für dieses Buch war der Bahnhofsstreit wohl nicht, vielmehr heißt es im Nachwort, Stuttgart spiele zwar „als Schauplatz oder Thema keine wirklich große Rolle in der Weltliteratur“, anders als Rom, Paris oder wenigstens München. So unbeschrieben, wie manche bis heute behaupteten, sei es allerdings auch nicht. Das zu beweisen trat Irene Ferchl wohl an, als sie dieses Buch zusammenstellte, für das sie, so versichert sie, durchaus eine Auswahl aus der Überfülle des Materials treffen musste. Nicht berühmte Dichternamen standen dabei im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Stadt als Sujet. Berühmte Dichter kommen allerdings dennoch häufig zu Wort, etwa Schiller und auch Goethe, der das damalige Stuttgart in verschiedenen Briefen und Tagebucheinträgen recht gut wegkommen lässt. Goethe, Schiller und einige andere fallen unter das Kapitel Zu Gast, denn das Buch ist in mehrere Kapitel eingeteilt, denen je ein Motto vorangestellt ist, etwa Im Anflug, Straßen und Plätze, Typen oder Bauten und Baustellen.

Paul Bonatz und der Hauptbahnhof

In letzterem Kapitel ist nun auch ein Essay von Paul Bonatz, dem Bahnhofs-Architekten, der 1902 in die Landeshauptstadt zog und später dort eine Professur übernahm, unter dem Titel Der Bau des Stuttgarter Hauptbahnhofs enthalten. In diesem beschreibt Bonatz, wie er seine Pläne entwarf und schließlich den Auftrag für den Bau bekam. 

Bonatz ist einer von knapp sechzig Männern, deren Beiträge in die Anthologie aufgenommen wurden, die weiblichen Stuttgart-Ansichten müssen da zurückstehen, kommen aber auch vor. So berichtet etwa die Schriftstellerin und Jugendbuchautorin Ottilie Wildermuth, die 1833 als 16jährige ein halbes Jahr zur Weiterbildung in Stuttgart verbrachte von ihrem „Universitätsaufenthalt“, der hauptsächlich im Kochen, Tanzen und Nähen lernen bestand. Auch die in Stuttgart lebende Schriftstellerin Anna Katharina Hahn ist berücksichtigt und sie ist wiederum nicht die einzige, die Zeitgenössisches beisteuert, denn auch Auszüge aus Krimis von Felix Huby und Wolfgang Schorlau und ein Aufsatz von Heinrich Steinfest sind enthalten.

Nicht nur Geschichten

Doch nicht nur die Zeiten muss eine solche Anthologie überspannen, sondern auch verschiedene Genres und Themen berücksichtigen, weshalb der Titel Geschichten aus Stuttgart streng genommen nicht korrekt ist, denn es finden sich neben Prosa auch Essays, Briefe, Feuilletons, Tagebucheinträge oder auch Gedichte. Unter Letzteren dürfen natürlich einige schwäbische Gedichte von Sebastian Blau nicht fehlen, der sich über die Stuttgarter Fasnet oder Gespräche im Café lustig macht. Eine bedeutendere Rolle als die Fasnet, spielen in der Landeshauptstadt die berühmten Stäffele, die ebenso beschrieben wurden, wie das Wohnen in Halbhanglage, in dem sich die soziale Stellung niederschlägt, denn dort wohnt nur wer es sich leisten kann. Die Beschreibung des schwäbischen Reinlichkeitsbestrebens, das sich in der Kehrwoche ausdrückt, darf in einer solchen Anthologie natürlich ebenso wenig fehlen, wie die Auseinandersetzung mit der fragwürdigen Architektur der Stadt und einiges mehr.

Kein Schauplatz der Weltliteratur

Mehr als dreihundert Seiten konnte Irene Ferchl mit den Geschichten aus Stuttgart füllen. Weltliteratur ist in der Tat nicht darunter, überhaupt ist relativ wenig Literatur unter den Beiträgen, wenngleich ein Großteil von Schriftstellern stammt. Ein beträchtlicher Teil davon ist aber privat verfasst worden, in Form von Briefen oder Tagebucheinträgen. Dass diese heute bekannt sind, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass sie von berühmten Menschen stammen und sagt nichts über Stuttgart als Schauplatz der Literatur aus und nicht einmal über das „öffentlich beschriebene“ Stuttgart. Interessant zu lesen sind aber auch diese „Geschichten“.

Irene Ferchl (Hg.): Geschichten aus Stuttgart, Klöpfer & Meyer, 352 Seiten, 22 Euro. Erschienen im September 2011. 

20. Oktober 2011

 

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