Hinter den Dingen
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Thomas Vogels Roman Hinter den Dingen

Über die wirklich wichtigen Dinge im Leben

 

AU_Thomas_Vogel_c_Tilman_Roesch_MEine vertrocknete Orange, mehr als dreißig Jahre alt, aus dem Garten der Kaiserin Livia ist zweifellos eine besondere Orange, das Herz ihres Besitzers Thomas, dem Ich-Erzähler des Romans Hinter den Dingen, hängt jedoch nicht an ihr, ist es doch nur ein Urlaubsmitbringsel − eines, das er zusammen mit anderen Souvenirs der Journalistin einer Sonntagszeitung präsentiert. Zehn Dinge, die sich im Lauf der Zeit bei ihm zu Hause ansammelten sollte er nennen und zu jedem Gegenstand in wenigen Sätzen etwas Schönes und Amüsantes erzählen. Doch diese eigentlich banale Zeitungsanfrage führt dazu, dass sich Thomas mit jenen Dingen in seinem Leben beschäftigt, die ihm wirklich wichtig sind, so wichtig, dass sie Stoff für einen ganzen Roman bieten.

Wichtige und weniger wichtige Dinge

Hinter den Dingen, erschienen im Juli 2011, ist der fünfte Roman von Thomas Vogel, langjähriger SWR-Redakteur, Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, der bei Klöpfer & Meyer verlegt wurde. Dem Roman vorangestellt ist das Rimbaud-Zitat „Ich ist ein anderer“. Wie der Autor, so heißt auch der Ich-Erzähler Thomas mit Vornamen und diesem Thomas flattert eines Tages die eingangs erwähnte Anfrage einer großen Sonntagszeitung ins Haus. Eigentlich nichts, woran er sich beteiligen möchte, doch sein Verleger, wie der Autor schreibt auch der Ich-Erzähler Bücher, spricht ihm zu, es ist ja nicht ehrenrührig und bringt ein wenig Aufmerksamkeit. Thomas, einen Nachnamen hat er nicht, erklärt sich zur Teilnahme bereit und bald stellt sich heraus, dass die zuständige Redakteurin eine frühere Geliebte ist, doch einen Rückzieher kann er nun kaum mehr machen, obwohl ihm an einem Wiedersehen nichts liegt. Zunächst fallen ihm ein paar wirklich wichtige Dinge ein, doch plötzlich erscheint ihm das zu privat und er entscheidet sich für eben jene bereits erwähnten Urlaubsmitbringsel. 

Obwohl Thomas damit tat was gewünscht war – „Nennen Sie uns zehn Dinge, Erinnerungsstücke, die bei Ihnen zuhause herumliegen, zu denen Ihnen etwas Schönes, Amüsantes und Erzählenswertes aus Ihrem Leben einfällt. Bitte keine Romane! Pro Gegenstand ein bis zwei Sätze“, lautet die wortwörtliche Aufforderung und wer würde auf eine solche Aufforderung hin schon Dinge, die ihm wirklich am Herzen liegen in ein paar wenigen Sätzen abfrühstücken – bekommt er schon am nächsten Tag einen Brief von der ehemaligen Freundin, mit der er sich wider Erwarten doch recht gut unterhalten hat. „Raffiniert, wie du die Aufgabe gelöst hast“, hatte sie ihm zwar zum Abschied gesagt, erwartet hatte sie aber offenbar dennoch andere Dinge, wichtigere eben aus dem Leben ihres ehemaligen Geliebten und so animiert sie ihn dazu, diese Dinge doch wenigstens ihr zu verraten.

Das große Schweigen

Dadurch infiziert, macht sich Thomas Gedanken über die ständigen, ihm wichtigen Begleiter seines Lebens und vor allem darüber, wo die Quelle ihrer Bedeutung für ihn zu suchen ist. Eigentlich nach Narbonne gefahren um an seinem Buchmanuskript zu arbeiten, beginnt er nun seine Überlegungen zu Papier zu bringen. Etliche Dinge fallen ihm ein, manche begleiten ihn seit seiner Kindheit, die meisten kamen im Erwachsenenalter hinzu und irgendwie hängen alle diese Dinge mit einer Beule zusammen, die Thomas von Geburt an begleitet, ja einen beträchtlichen Anteil daran hat, dass aus dem Erzähler wurde, was er ist. Genau genommen handelt es sich um eine nicht mehr vorhandene Beule, die er nach der Geburt am Kopf hatte und die dafür sorgte, dass der kleine Tom auch noch als sie längst verschwunden war, verhätschelt und in Watte gepackt wurde, denn von Zeit zu Zeit machten sich die Eltern Sorgen, sie könne wiederkommen.

Als dem kleinen Jungen, wie der Autor wächst er in Sindelfingen auf, all dies wiederfährt, befindet man sich in den Nachkriegsjahren, doch über den Nationalsozialismus, vor allem über den Mord an den Juden, wird nicht gesprochen, nicht in der Schule, wo noch ehemals stramme Nazis unterrichten und eigentlich auch nicht zu Hause. Es bleibt einem gütigen Großonkel überlassen, den Jungen in einem Gespräch darüber aufzuklären. Dieses Gemisch nun aus der Sorge der Eltern der Beule wegen und dem Gefühl, dass in der nahen Vergangenheit schreckliche Dinge passierten, über die nicht offen geredet wird, wirkt irgendwie bedrohlich auf das Kind Tom. So leidet es immer wieder an Ängsten, die sich zunächst darin äußern, dass sich von Zeit zu Zeit mal hier mal dort eine Beule zwickend und zwackend bemerkbar macht und als ihm der Arzt rät, den zeitweiligen Plagegeist künftig zu ignorieren, spürt er ihn zwar nicht mehr körperlich, dafür aber drückt er nun auf das Gemüt.

Helfen können da vor allem zwei Dinge, nämlich der Plüsch-Löwe, der ihn seit er denken kann als verläßlicher Freund und guter Zuhörer begleitet und Geschichten, die parallele Welten eröffnen, in die man entfliehen kann. Für den Geschichtsunterricht mit seinen Zahlen und Fakten, in dem die Geschichten einzelner Menschen keinen Platz haben, hat Tom, ohnehin kein begeisterter Schüler, nicht viel übrig, für Geschichten dagegen umso mehr und insbesondere für Löwen-Geschichten, vor allem, wenn sie aus der Bibel stammen. Letztere ist auch so ein ständiger Begleiter, deren Geschichten ihn faszinieren, sogar bei der Auswahl des Studienfaches Theologie, zu dem, der Liebe zu Frankreich wegen, noch die Romanistik kam, spielte sie eine bedeutende Rolle.

Die Macht der Musik

Mit der Leidenschaft für die Geschichten mithalten kann lediglich die Leidenschaft für die Musik, wobei ja auch sie Geschichten erzählt, nicht nur in ihren Texten, und sie kann Menschen verbinden, wie Thomas und den in Frankreich lebenden jüdischen Geschäftsmann Mark Wittenberg, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Zusammengebracht und schließlich auch zu Freunden gemacht, hat sie Leonard Cohen, dessen Musik beide lieben und den der Erzähler später sogar kennenlernen durfte, ebenso wie den Mundharmonikavirtuosen Schmuel Gogol, der der Ermordung in Auschwitz entging, weil er sein Instrument so famos spielen konnte. Auch diesen Beziehungen entstammen besondere Dinge: ein Bild des Juif Errant, eine LP mit Widmung und eine Mundharmonika. 

All die erwähnten und einige Dinge mehr hatte Thomas also zusammengetragen, als er nach Fertigstellung seines Manuskripts mit der einstigen Geliebten am Strand von Narbonne Plage, wo sie ihn ein letztes Mal besucht, spazieren geht und es ist Sarah, selbst Jüdin, die feststellt, dass es immer wieder „auf die eine oder andere Art jüdische Geschichten“ sind, die hinter den für Thomas so wichtigen Dingen stecken. Thomas hält das für Zufall, sind doch auch ein paar andere Gegenstände darunter und so diskutieren sie nicht weiter darüber. Doch obwohl dieses Buch manchmal von so ernsten Dingen handelt, ist es zugleich auch von erstaunlicher Leichtigkeit und wer über Ernst Bloch oder Camus – der Philosoph und der Schriftsteller gehören auch zu jenen, die den Erzähler zutiefst beeindrucken – nicht viel weiß, muss nicht befürchten, deshalb diesen Roman nicht zu verstehen. 

Trotzdem

Man muss auch nicht wissen, wie viel Autobiografisches in dem Buch steckt, schließlich steht Roman darauf und so erzählt hier nicht der Autor seine Geschichte, sondern der Erzähler, der gedacht wird und dem eine Beule zugedacht wurde, die gewissermaßen eine mehrfache Wandlung erfuhr. Von der Beule am Kopf, über die gefühlte Beule, die auf verschiedene Körperstellen drückt, wurde sie zur auf das Gemüt drückenden Beule und bekam damit eine mehrfache Symbolfunktion zugewiesen, zumal man sie auch als Symbol für das Schweigen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, das das Land damals drückte, betrachten kann – so wie man in dem Vorschlag des Arztes, die Beule zu ignorieren, eine Methapher für die Bemühungen der damaligen Zeit sehen kann, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu ignorieren.

Der erwachsene Thomas aber begegnet der Beule mit einem Trotzdem, wie er es ausdrückt. Er greift trotzdem zur Gitarre wenn sie aufs Gemüt drückt, er macht trotzdem weiter und damit widersteht er ihr. Und vielleicht kam es auch wegen dieses Trotzdems zu einigen der Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens, die auch dazu zwangen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die einige der Dinge hervorbrachten, die sein Leben „ausmachen und erzählen“, wie Sarah es formuliert. Und weil sie möchte, dass auch andere die Aufzeichnungen lesen können, schlägt sie vor, sie als Roman zu veröffentlichen, ganz so wie es eben passt zu einem, der Geschichten so liebt.

 

Thomas Vogel: Hinter den Dingen, Klöpfer & Meyer, 240 Seiten, 19,50 Euro. Erschienen im Juli 2011.

Foto: Thomas Vogel, Copyright Tilman Roesch.

3. September 2011

 

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