Hölderlin. Eine Winterreise
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Thomas Knubbens Buch Hölderlin. Eine Winterreise

Auf Hölderlins Spuren unterwegs nach Bordeaux

 

PorträtKnubbenIm Dezember 1801 machte sich Friedrich Hölderlin auf den Weg nach Bordeaux, wo er eine Stelle als Hauslehrer antrat, nicht einmal ein halbes Jahr später kehrte er unerwartet und verstört nach Nürtingen zurück. Es scheint, als ob er sich von dem Bordeaux-Aufenthalt von dem niemand genau weiß, was dort geschah, nie mehr richtig erholte. Es dauerte nur noch wenige Jahre bis Hölderlin in die Betreuung der Tischler-Familie Zimmer kam und den heute als Hölderlin-Turm bekannten Tübinger Turm bezog. Mehr als 200 Jahre später folgte Thomas Knubben zu Fuß Hölderlins Pfaden von Nürtingen in die Stadt an der Garonne. Nun liegen seit ein paar Wochen seine Aufzeichnungen über die Reise vor.

Hoffnung und Abschiedsschmerz

Hölderlin. Eine Winterreise heißt das Buch, das Ende August im Verlag Klöpfer & Meyer erschien. Thomas Knubben, gebürtiger Rottweiler der in Ravensburg lebt und an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg lehrt, studierte Geschichte, Germanistik und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen und Bordeaux, ehe er in Essen promovierte. Die Stadt, in die ihn sein Fußmarsch führte, war ihm also aus Studienzeiten ebenso bekannt wie jene, in der Hölderlin studierte und später im Turm lebte. Als der Dichter nach Bordeaux aufbrach, fiel ihm der Abschied schwer, doch hatte er auch − wieder einmal − die Hoffnung, eine langfristige Stellung anzutreten. Im Hause des aus Hamburg stammenden Geschäftsmannes Daniel Christoph Meyer hatte er einen Posten als Hauslehrer erhalten.

Es war nicht die erste Stelle dieser Art. Pfarrer, wie dies der Wunsch der Mutter gewesen wäre, hatte er nicht werden wollen und der Hyperion fand zwar in literarischen Kreisen große Anerkennung, vom Schreiben leben konnte er jedoch nicht. Sein Erbe hätte bei sparsamem Wirtschaften wohl ausgereicht um ein Dichterleben zu führen, schreibt Knubben, doch für die pietistisch geprägte Mutter war dies wohl undenkbar. So bezeichnet es der Autor als das eigentliche Drama Hölderlins, dass er seine Zeit nicht seiner Berufung widmen durfte, sondern immer wieder nach einem Broterwerb suchen musste, weshalb er sich schon mehrfach als Hauslehrer versucht hatte, unter anderem in Frankfurt, wo er die Kinder des Bankiers Jacob Gontard unterrichtet hatte und eine innige Liebesbeziehung mit dessen junger Frau Susette eingegangen war. Damit war auch dieser Stellung keine allzu lange Dauer beschieden, die Liebenden sahen sich freilich noch ein paar mal und auch Briefe gingen noch für einige Zeit hin und hier.

Baldige Rückkehr

Nach einem weiteren Versuch als Hauslehrer machte sich der Dichter Anfang Dezember 1801 auf den Weg nach Bordeaux, wo er hoffte dieses Mal wirklich eine langfristige Stelle anzutreten, doch kein halbes Jahr nach seiner Ankunft im Januar 1802, kehrte er nach Nürtingen zurück. Obwohl Hölderlin schon bei seiner Rückkehr auf seine Angehörigen und Bekannten einen völlig verstörten Eindruck machte, schrieb er in der Zeit nach der Reise noch einige seiner bedeutendsten Gedichte und übersetzte Sophokles. Auch gelang es ihm mithilfe seines Freundes Isaac von Sinclair 1804 noch einmal eine Stelle zu finden − als Bibliothekar in Homburg, doch zwei Jahre später wurde er unter einem Vorwand nach Tübingen geschickt, wo er in die Universitätsklinik gebracht und von dort im Mai 1807 in die Betreuung der Tischlerfamilie Zimmer gegeben wurde. Dort, im Turmzimmer der Familie, heute als Hölderlin-Turm bekannt, fristete er bis zu seinem Tod 1843 sein Leben.

Des Autors Erkenntnisse

Soweit die Vorgeschichte, die Knubben zu der Frage führte, ob sich wohl durch eine Wiederholung der Reise erkunden lässt, was während des Bordeaux-Unternehmens mit Hölderlin geschehen sein könnte, dass er so verstört zurückkehrte und wenn er sich schon auf dessen Spuren begab, wollte er das auch möglichst dem Vorbild getreu tun. Auch wenn nicht genau bekannt ist wie Hölderlin reiste − lange glaubte man, dass er die ganze Strecke zu Fuß zurücklegte, später herrschte die Meinung vor, er habe die Postkutsche genutzt − entschied sich Knubben für den Fußmarsch und auch seine Reise begann Anfang Dezember in Nürtingen. Ausgestattet mit Rucksack und Wanderstab machte er sich auf den Weg und wurde schon bald das erste Mal gefragt, ob er ein Jakobspilger sei.

Wie auch Hölderlin, kam der Autor Ende Januar in Bordeaux an. Unterwegs hatte er immer wieder Station in Archiven gemacht, um etwa des Dichters Reiseroute, die man nicht genau kennt, anhand alter Karten und Postkutschenverzeichnisse nachvollziehen zu können und auch der Frage nachzugehen, wie er denn nun reiste. Nach einem ausführlichen Datenabgleich kommt Knubben zu dem Ergebnis, dass der Dichter vermutlich den größten Teil doch zu Fuß zurücklegte und für Teilstrecken die Postkutsche nahm. Auch zu der wichtigsten ihn umtreibenden Frage, was mit Hölderlin in Bordeaux passiert war, hat er sich eine Meinung gebildet.

Eine vieldiskutierte Frage

Diese Frage hatten sich vor Knubben schon viele gestellt. Während etwa Hölderlin-Freund Schelling glaubte, dieser habe von seiner Tätigkeit eine völlig falsche Vorstellung gehabt, vermuteten andere schlimme Reiseerlebnisse, gar einen Überfall und wieder andere glaubten, er habe Nachricht von Susette Gontards schwerer Erkrankung, die im Juni zu ihrem Tod führte, erhalten. Dazu hätte Hölderlin jedoch in Bordeaux über die Vorgänge in Frankfurt informiert sein müssen und genau das hält Knubben für möglich. Als Erklärung führt er an, dass Susettes Bruder durch seinen Hamburger Weinhandel Kontakte zur Familie Meyer in Bordeaux hatte. Und da sich zwischen der Erteilung von Hölderlins Ausreisevisum in Straßburg, die sich genau datieren lässt und seiner Ankunft in Nürtingen eine zeitliche Lücke auftut, neigt Knubben der Meinung des Hölderlinforschers Pierre Bertaux zu, der Dichter habe auf dieser Rückreise in Frankfurt Station gemacht und seine Geliebte noch einmal gesehen.

So verschaffte die Reise dem Autor also einige Erkenntnis und eine besondere poetische Erfahrung. Für Knubben hat sich also der Sinn der Reise erfüllt, indem er Hölderlins Pfade verfolgte, der Leser dagegen verfolgt Knubbens Pfade, denn das Erspüren des großen Dichters auf dessen Wegen lässt sich durch ein Buch nicht auf den Leser übertragen. So ist es für diesen in erster Linie ein spannender Reisebericht, der vieles über interessante Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen verrät und der immer wieder in die (kultur-)geschichtliche Kiste greift, um Lehrreiches und auch interessante Querverbindungen zutage zu fördern. Mitunter vergnüglich ist dieser Bericht obendrein, etwa wenn der Autor Überlegungen darüber anstellt, ob die Menschen unterwegs bevorzugt ihren linken oder ihren rechten Handschuh verlieren. Alle seine Thesen in dieser Hinsicht lassen sich nicht halten, denn bei seiner Ankunft in Bordeaux hat er 15 linke und 14 rechte Handschuhe gezählt, dazu vier Paare.

Bescheidene Weihnachten

Er marschierte außerdem einmal im Kreis, tat sich häufiger mit der Quartiersuche schwer, hatte an Weihnachten außer einer Orange nichts zu essen und mutete auch sonst seinem Magen und vor allem Rücken und Füßen einiges zu – und das alles für Hölderlin. Ob in dessen Werken wohl die Erklärung für die ganz besondere Zuneigung zu dem Dichter, die es wohl braucht, wenn jemand mitten im Winter zu Fuß von Nürtingen nach Bordeaux marschiert, zu finden ist? Vielleicht sollte man Hölderlin (mal wieder) gründlich studieren, um zu erkunden, was den Autor antrieb. Dann schlösse sich ein Kreis und ein schlechtes Gewissen würde sich so auch erübrigen, wird doch immer mal wieder geklagt, der Leser befasse sich viel lieber mit den leichter zu lesenden Büchern über das Leben berühmter Dichter, anstatt mit deren manchmal komplizierten Werken selbst. Flott zu konsumieren war Hölderlin. Eine Winterreise in der Tat, gehaltvoll war es trotzdem. 

Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise, Klöpfer & Meyer, 250 Seiten, 19,90 Euro. Erschienen im August 2011. 

Foto: Thomas Weiss

17. Oktober 2011

 

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