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Silke Knäppers Roman Im November blüht kein Raps

Gespenster

 

KnepperRapsCover1„Aber das Gewesene ist nie egal. Auch wenn man es vergisst“, so lauten zwei Sätze, die weit in der zweiten Hälfte des Buches Im November blüht kein Raps wie nebenbei fallen. Sie stammen von der Mutter Pauls, dem Helden der Geschichte, und sie könnten auch als Motto über dem ganzen Roman stehen.

Im November blüht kein Raps, erschienen im Juli bei Klöpfer & Meyer ist der Erstlingsroman von Silke Knäpper, geboren 1967 in Ulm und nach Studium und Auslandaufenthalt seit einigen Jahren Lehrerin an der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule ihrer Heimatstadt. Eingefleischten Literaturfreunden aus der Region ist die Autorin als Mitglied der Gruppe Flugfische bekannt, für ihre 2007 erschienene Erzählung Egal wo man aufwacht bekam sie außerdem eine Auszeichnung im Rahmen der Literaturveranstaltung Irseer Pegasus. Die Roman-Handlung ist schnell erzählt: Paul, aufgewachsen in Gräfelfing, ist Kontrabassist am Ulmer Theater, er ist kinderlos verheiratet mit der Krankenschwester Bärbel und hat ein heimliches Verhältnis mit Hanne, Mutter eines kleinen Sohnes. Hanne möchte, dass er sich von seiner Frau trennt, doch Paul kann sich nicht entscheiden, und selbst am Ende, als eine Entscheidung gefallen ist, hat er sie nicht wirklich selbst getroffen. 

Keine bloße Dreiecksgeschichte

Trotz seiner Konstellation ist der Roman bei näherer Betrachtung keine Dreiecksgeschichte, vielmehr handelt er davon, wie eine unbewältigte Vergangenheit an den Sohn weitergegeben wird und dessen Leben beeinflusst. Teil dieser Vergangenheit ist das Schwesterchen Marga, dessen Foto der Knabe Paul eines Tages in Mutters verbotener Schublade unter den Seidenstrümpfen entdeckt hat und von dem sie ihm, dem später Geborenen, nur erzählt, dass es an einer Blutvergiftung starb. Teil dieser Vergangenheit sind auch die Erlebnisse der Mutter mit Krieg und Vertreibung. Davon, dass sie mit ihrer Familie aus Schlesien vertrieben wurde, erzählt sie häufig, über ihre Tätigkeit als Flakhelferin will sie jedoch nur wenig reden. Interessant ist, dass der Leser über die väterliche Kindheit und Jugend nichts erfährt und nur darüber spekulieren kann, was ihn zu dem gemacht hat, der er ist.

Der renommierte Pianist, der von seiner Frau verlangt hatte, dass sie ihre Karriere als Harfenistin aufgibt, um ganz für die Familie da zu sein, treibt Paul, schon als dieser sechs, sieben Jahre alt ist, die Freude am Klavierspielen aus, schimpft ihn einen Depp und spricht ihm das Talent ab. Klavier spielen kann Paul seither nicht mehr, überhaupt ist ihm das Vergnügen am Musizieren vergangen, ehe er im Hohenschwangauer Internat als Jugendlicher doch noch mit dem Kontrabassspiel beginnt. Als er nach dem Abitur die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule besteht, nimmt es der Vater herablassend zur Kenntnis, selbst in diesem Moment gelingt es ihm noch, den Sohn zu demütigen.

Die Schwierigkeit, eine Entscheidung zu treffen

Die Karriere, die der talentierte Kontrabassist wohl hätte machen können, hat ihm der tyrannische Vater mit seinem Verhalten versaut. Als Paul einen Posten bei den Münchner Philharmonikern bekommen soll, gilt das Vorspiel eigentlich nur als Formsache, doch letztlich kommt es nicht dazu und statt bei einem großen Top-Orchester landet er bei den Philharmonikern am Ulmer Theater. Es hat nicht bis nach ganz oben gereicht, weil er sich nicht entscheiden konnte das Vorspiel durchzuziehen, so wenig, wie er sich für seine Frau oder für Hanne entscheiden kann oder dafür, endlich sein Knie operieren zu lassen. Überhaupt seine Entscheidungsschwäche: sie zieht sich durch das ganze Buch. Hat sich Paul endlich dazu durchgerungen die Hecke zu schneiden, ringt er noch einige Tage mit sich, bis er den Entschluss in die Tat umsetzt.

Auch anderes durchzieht den kompletten Roman. Da ist beispielsweise das schlesische Volkslied In dem Schneegebirge, das die Mutter mit dem kleinen Paul immer wieder singt. Dessen ständige Präsenz lässt viel Raum für Spekulationen, ob es auch im Leben der Mutter einen Geliebten gab, der, wie im Lied, auszog und nie mehr wiederkam. Von ihr wird es nicht mehr zu erfahren sein, sie ist längst altersdement und die Demenz kann der Leser durchaus als Metapher für all das Vergangene, das vergessen bleiben soll, verstehen. Sie sagt es sogar: „Was ich nicht wissen will, vergesse ich“. Da ist auch Pauls Migräne, an der er schon seit Kindertagen leidet als Metapher für das Drückende, das auf ihm lastet, so wie auch der titelgebende Raps seine Bedeutung hat. Immer wieder schwärmt die Mutter von den leuchtend gelben Feldern rund um Breslau. Als Paul mit Hanne in die Heimat der Mutter fährt, ist es jedoch November und entsprechend trübe und trostlos. Von der schönen leuchtenden Gegend, die für das steht, was die Mutter aus jener Zeit in Erinnerung behalten will, spürt Paul nichts. So findet er auch nicht die Erleuchtung und Erkenntnis, die er sich von dieser Reise in die mütterliche Vergangenheit erhoffte.

Äußeres und inneres Chaos

Sein Innerstes ist damit nach der Rückkehr noch genauso unaufgeräumt wie zuvor − so unaufgeräumt wie seine Zweitwohnung, in die er sich häufig zurückzieht und wie die Fotokiste, in der die Fotos wild durcheinander liegen und darauf warten, eines Tages geordnet zu werden. Dabei sind sie nicht nur ungeordnet, sondern auch weggeschlossen in einer Kiste. „Und was schlummert in Deiner Kiste?“, fragt Paul Hanne, denn auch Hanne hat eine Vergangenheit, über die sie nicht reden will – zumindest lange Zeit nicht, ehe sie Paul doch einiges erzählt.

So treten für den Leser nach und nach immer mehr Dinge zutage, während Pauls Mutter mehr und mehr vergisst. Schließlich erfährt Paul bei einem Besuch in ihrem Gräfelfinger Haus, wohin er mit Hanne gefahren ist, durch Zufall etwas mehr über den Tod des Schwesterchens, wenn auch noch nicht die ganze Wahrheit. Diese steht in einem Brief ihres inzwischen verstorbenen Mannes an sie, den sie Hanne anvertraut. Paul soll ihn nach ihrem Tod erhalten, Hanne übergibt ihn aber vorher. So erhellen sich ein paar Dinge über den Vater. Wie es Paul mit anderen Eltern ergangen wäre weiß allerdings niemand, hat es doch auch der liebevolle Nachbar nicht geschafft, seinen eigenen Sohn „ins Leben zu bringen“, wie Paul eines Tages nachdenklich feststellt.

Ein schönes Debüt

Silke Knäpper ist mit diesem, auch von Verlagsseite sehr ansprechend gestalteten Buch ein schönes Debüt gelungen, das zufällig auch noch in Ulm spielt. Schauplatz hätte freilich auch jederzeit eine andere Stadt dieser Größenordnung sein können. Mit putzigem Lokalkolorit wird der Leser deshalb verschont, aber schön ist es doch für die Bewohner Ulms und der Umgebung, dass sie einige Orte kennen. 

Silke Knäpper: Im November blüht kein Raps, Kloepfer & Meyer, 187 Seiten, 18,90 Euro. Erschienen im Juli 2012.

17. September 2012

 

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