Kopf und Körper
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Jörg Neugebauers Roman Kopf und Körper

Irdische Schwere und himmlische Leichtigkeit

 

KopfUndKoerperNeugebauer„Früher hatte sie nur mit den Schultern gezuckt, wenn jemand von der ‚großen Liebe‘ sprach. Jetzt war es das, was sie empfand. Und sie staunte darüber, dass es da war und sie betraf.“ Mit diesem Zitat endet der Roman Kopf und Körper von Jörg Neugebauer.  

Zirkuskinder

Jörg Neugebauer ist im Raum Ulm/Neu-Ulm schon länger auf verschiedene Weise literarisch unterwegs. Der ehemalige Gymnasiallehrer bestreitet auf Radio Free FM die Sendung Klassisch Modern, die jeden zweiten Dienstagvormittag klassisch moderne Musik und Literatur vereint, hob gemeinsam mit Elvira Lauscher das Duo Wortkunstlauf aus der Taufe und tritt hin und wieder auch in Inszenierungen der theaterWerkstatt auf. Seine ganz große Liebe aber gehört dem Schreiben von Gedichten, Neugebauer veröffentlichte bereits einige Lyrikbände und beteiligte sich an Anthologien. Zur Abwechslung gönnte er sich dann aber 2005 mit Kopf und Körper einmal einen Roman, dem eine Veröffentlichung in einem etablierten Verlag zu wünschen gewesen wäre. Doch leider findet sich nicht für jedes Buch, das es verdient hätte, ein Verleger. So erschien Kopf und Körper im demand Verlag.

An den Anfang des Romans stellte Neugebauer das Zitat „On raconte, mais est-ce qu’on sait?“ aus Rainer Maria Rilkes Gedicht Le Grand Pardon. Was der Autor zu erzählten hat, beginnt mit den beiden jungen Trapezkünstlern Jean und Marie, beide mutterlos aufgewachsen, Kinder zweier befreundeter Zirkusclowns, die eines Tages, unterwegs mit dem Auto, von einem herabstürzenden Felsbrocken erschlagen werden und die beiden Waisen in der Zirkuswelt zurücklassen. Dort faszinieren sie fortan als „Luftflöhe“ das Publikum. Mit zunehmendem Alter wird aus der kindlichen Liebe eine Beziehung, und auch als Marie den robusten Baustoffhändler Charles heiratet, ändert sich das nicht. Dieser kommt in regelmäßigen Abständen und nimmt seine ehelichen Rechte wahr, während Jean sich in dieser Zeit zurückzieht, ansonsten stellt er keine Besitzansprüche. Irgendwann aber ist Marie verschwunden, lässt nicht nur Charles, sondern auch Jean hinter sich.

Wege, die sich kreuzen

Auf dem Trapez kann sich der Verlassene fortan nicht mehr konzentrieren, so kehrt er dem Zirkus den Rücken und nimmt einen Job in einem Lager an, wo er sich in die Büroangestellte Ina verliebt, Marie allerdings bleibt immer seine große Liebe. Ina ist nur eine von mehreren Figuren, die nach und nach in die Handlung eingeführt werden. Es sind da neben einigen Randfiguren noch Sophie, die, wäre es nach ihren Eltern gegangen, Pianistin geworden wäre, schließlich aber Lehrerin in der Provinz wird, wo ihr Ehemann Dr. Bergner als Orthopäde praktiziert, sowie das Ehepaar Claire und Harold, er Bankdirektor, sie sein Frauchen. Nach und nach kreuzen sich die Wege einiger der Protagonisten, woraus sich die eine oder andere neue Beziehungskonstellation oder auch mal nur eine in erotischer und beruflicher Hinsicht interessante Anregung ergibt.

Der Griff nach dem Trapez

Es tut sich also einiges im Leben der Figuren, doch das ist nur das, was vordergründig erzählt wird, aber noch nichts über die Schwierigkeit aussagt, das Gefühlsleben, die intellektuellen Ansprüche, die sexuellen Bedürfnisse und die erotischen Wünsche, kurz Kopf und Körper, unter einen Hut zu bringen. In dieser Hinsicht wirken die Männer auf den ersten Blick einfacher gestrickt, der Bankdirektor Harold jedenfalls scheint so etwas wie intellektuelle und auch sinnliche Begierden erst gar nicht zu haben und mit Dr. Bergner steht es nicht viel besser. Anders Sophie, die Lehrerin, die mit den Jahren depressiv geworden ist. Sie und die anderen Frauen haben komplexere Bedürfnisse, aber auch den Mut, letztlich doch die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten zu ergreifen.

Sinnbildlich dafür steht das Trapez, nach dem im richtigen Augenblick gegriffen werden muss, wenn es auf einen zu schwingt. Das ist nicht so einfach, wie es für die Unbeteiligten manchmal aussieht, Jean und Marie mussten für ihre Trapeznummern „die fast perfekte Überlistung der Körperschwere“, wie es im Buch heißt, erst viele Jahre lang mühsam lernen und mit jedem Auftritt aufs Neue zusehen alles Beschwerliche unten zu lassen, wenn sie hinaufstiegen „in ihr gemeinsames Himmelreich“. So verhält es sich auch im wahren Leben und so wie Neugebauer das Trapez nicht zufällig gewählt hat, so sind auch die Berufe der Figuren nicht willkürlich gewählt. Das zeigt sich bei Dr. Bergner, der Orthopäde, und damit für Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskeln, eben ganz für das Körperliche, zuständig ist, und noch deutlicher wird es beim Bankdirektor Harold, dessen Beruf das Sinnbild des Materiellen ist. Ebenso wenig um Zufälligkeiten handelt es sich bei der Namensgebung, ganz besonders gilt das für Jean und Marie.

Zwei besondere Namen

Beide Namen lassen sich mit einem Bindestrich zusammenfügen, was sehr sinnig ist, denn wie sich am Ende herausstellt, sind die Bande zwischen den zweien ganz besondere. Es passt freilich noch aus einem anderen Grund, denn in dem Namen vereint sich das Männliche mit dem Weiblichen, so wie sich auch in den Geschlechtern oft beides vereint, mag es auch auf den ersten Blick nicht so erscheinen. Jean jedenfalls hat eine höchst sensible Seite und Marie achtet sehr rational auf ihren Nutzen und doch stecken dahinter viele Empfindsamkeiten. Dargestellt wird dies symbolisch durch eine perfekte Travestienummer, die die beiden genau in der Mitte des mit knapp hundertzwanzig Seiten recht schlanken Romans vorführen und die die Zuschauer verblüfft zurücklässt, weil sie nicht mehr wissen, wer hier Männlein und wer Weiblein ist. Die Sache mit den Männern, den Frauen, dem Kopf und dem Körper ist also in jeder Hinsicht kompliziert, hoffnungslos aber ist sie nicht, wie der eingangs zitierte Schlusssatz zeigt.

Jörg Neugebauer: Kopf und Körper, demand Verlag, 120 Seiten, 12 Euro. Erschienen im Januar 2005.

30. August 2013

 

Interessante Links zur Person Jörg Neugebauer:

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