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Tina Strohekers Buch Luftpost für eine Stelzengängerin

Die andere Hälfte des Zwillings

 

TinaStrohekerStelzenEine Frau, schon lange glücklich verheiratet, verliebt sich noch einmal, als sie in einer Wiener Bar eine jüngere Geschlechtsgenossin trifft. Damit beginnt eine Beziehung, an deren literarischer Verarbeitung unter dem Titel Luftpost für eine Stelzengängerin der interessierte Leser teilhaben darf. Voyeuristische Interessen bedient das im August 2013 bei Klöpfer & Meyer erschienene Buch nicht, auch wenn das Erzählte, so erklärt die Autorin Tina Stroheker in einem Stadtmagazin für lesbische Frauen, eng mit ihrem Leben verbunden ist.

Poetische Miniaturen

Tina Stroheker, 1948 in Ulm geboren, lebt seit einigen Jahrzehnten als freie Schriftstellerin in Eislingen/Fils. Bekannt ist sie vor allem als Lyrikerin, und dass sie eine solche ist, ist auch dem aktuellen Buch anzumerken. Luftpost für eine Stelzengängerin besteht aus knapp 90 Prosaminiaturen, die in poetischer Weise von einer besonderen Liebe erzählen. So lautet der Untertitel folgerichtig Notate vom Lieben. Diese Notate umfassen oft weniger als eine halbe Seite, der Rest des Blattes bleibt leer. Es entstehen also viele Lücken – nicht nur auf dem Papier, auch zwischen den einzelnen Texten, und doch ergibt sich am Ende eine ganze Geschichte. Das ist das Besondere an diesem Buch. Wie ein gutes Gedicht ist jede Skizze aufs Genaueste komponiert und aus diesen einzelnen Kompostionen ergibt sich wiederum ein sorgfältig komponiertes Ganzes.

Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Eine Frau, wohl jenseits der Fünfzig, lernt in einer Wiener Bar eine Geschlechtsgenossin kennen, verliebt sich und geht mit ihr eine Liebesbeziehung ein. Zu Hause hat sie einen Ehemann, mit dem sie glücklich verheiratet ist, mit der Geliebten trifft sie sich mehr oder weniger regelmäßig, vor allem aber gehen Telefonate, Kurznachrichten, Briefe und Päckchen hin und her. Eines Tages stellt sich heraus, dass es im Leben der Geliebten bereits eine andere Frau gibt, ein toughe dyke on bike, wie die Lesben genannt werden, die auf Motorrädern die Umzüge zum Christopher-Street-Day anführen. Erläutert wird der Begriff ebenso wie einige andere und zahlreiche Zitate, am Ende des Buches. Auch die Geliebte ist bei den Regenbogenparaden aktiv – als Stelzenläuferin. Sie beendet schließlich die Beziehung und die Protagonistin bleibt mit ihrem Kummer, aber auch mit ihrem Glück darüber, diese Liebe kennengelernt zu haben, zurück.

Plötzlich wieder jung

All dies ergibt sich aus den einzelnen Notaten, die der Klappentext als „Briefe, Filmausschnitte, Gedichte“ bezeichnet, die aber auch das Ergebnis dessen sein könnten, woran sich die Schreiberin im Nachhinein, beim Versuch, diese Liebe zu erfassen und zu reflektieren, besonders erinnert – die Bilder, Momente, Gedanken und Gefühle, die sich ihr am intensivsten eingeprägt haben, so ausschnitthaft, wie sie ihr vor Augen stehen oder im Gedächtnis verhaftet sind, niedergeschrieben. Da ist die Erinnerung an kleine Geschenke, an den nackten Körper der Geliebten, an die Insel in deren linkem Auge, das verletzt wurde, als sie ein Kind war, an das Wiedersehen auf dem Bahnhof, an die Schokolade, die ihr die Geliebte als Wegzehrung über den Tisch reicht, aber auch an Unterhaltungen per Chat im Internetcafé, an Handygespräche und Kurznachrichten und den sehnsüchtigen Blick aufs Mobiltelefon, ob nicht endlich etwas kommt.

Wenn sie permanent auf das Handy starrt und darauf wartet, dass es klingelt oder eine SMS ankommt, ist dieses technische Gerät plötzlich der Inbegriff des Liebesboten, der die heiß ersehnten Nachrichten übermittelt. Die reife Frau ist da auf einmal so jung wie all die Jungen. Auch ein ziemlich kitschiges Geschenk ist für eine so sehr Liebende ein tolles Geschenk, obwohl es schon einen kleinen Stich gibt, dass auf dem Brustlatz des Bärchens nur „für einen besonders lieben Menschen“ steht und nicht „Ich liebe dich“.

Liebe, Sehnsucht, Wut und Eifersucht

Das sind die Gedanken, die mit der Liebe einhergehen, ebenso wie die große Sehnsucht, die Eifersucht und schließlich die Wut. Dazu kommt aber in diesem Fall das Erstaunen der Protagonistin darüber, dass ihr im reifen Alter die Liebe zu einer Frau widerfährt, ihr, die doch glücklich mit ihrem Mann verheiratet ist. Dennoch scheint da immer ein unbewusster Wunsch gewesen zu sein. Die Wiener Bar ist offenbar ein Schwulen- und Lesbenlokal, das sie in Lederjacke, Hemd und Stiefeln betritt, denn „das war nur ganz cool zu schaffen“, schließlich war sie eine „graue Herrin der Theorie“, bei der vorher nichts gewesen war. Schon als Studentin hatte sie jedoch Gefallen daran gefunden, den Körper der Nachbarin zu sehen, wenn diese sich vor dem Milchglasfenster unbekümmert zum Duschen aus- und danach wieder anzog.

Zum Erstaunen über diese und zum Glück dieser Liebe gehört aber auch das Ringen. Da ist schließlich der Ehemann, das alte Leben, die Wurzeln und das alles nimmt ihr etwas von der Leichtigkeit, die der Geliebten, der „Wiener Garçonne“ zu Eigen ist. Einmal sieht sie, unterwegs in die Stadt, eine weiße Taube, die täppisch schwankend über den Asphalt spaziert, fliegend freilich könnte sie eine Brieftaube sein „für Luftpost an eine Stelzengängerin“, die leicht, ganz leicht sein müsse. Leicht, ganz leicht, trotz ihrer teils schweren Gedanken, ist die am Ende vorliegende Luftpost schließlich auch, weil die Form ihr Leichtigkeit verleiht. In einem anderen Sinne handelt es sich in gewisser Weise ebenfalls um Luftpost, denn die Geliebte wird zwar oft direkt angesprochen, das Schreiben dient jedoch nur dazu, das eigene Erleben dieser Liebe zu reflektieren − Post also, die nur in Gedanken losgeschickt wird. 

Lücken, die gefüllt werden dürfen

Am Ende ist sie froh, dass sie nun auch die Liebe zu einer Frau, die andere „Hälfte des Zwillings“, kennengelernt hat, obwohl der Unterschied vielleicht gar nicht so wichtig ist, denn die Frage eines Freundes, ob sie sich eigentlich eher weiblich oder mehr männlich fühle, bringt sie zu dem Schluss, dass die Frage nach „ladies and gentlemen, oben und unten“ nicht die richtige ist − auf die Situation kommt es an. Darüber kann der Leser dieses auch äußerlich sehr schön gestalteten Buches, bei dem die einzelnen Kapitelzahlen am oberen Seitenrand wie in der Luft hängen, intensiver nachdenken. Das ist überhaupt ein wichtiges Merkmal des relativ schmalen Büchleins: Es lässt nicht nur Lücken zwischen den Texten, sondern auch zwischen den Zeilen, die dem Leser viel Spielraum für eigene Fragen und Gedanken lassen.     

Tina Stroheker: Luftpost für eine Stelzengängerin, Klöpfer & Meyer, 106 Seiten, 16 €. Erschienen im August 2013.

5. Januar 2014

 

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