Monrepos
Search for:

fehrgelesen

Das Literaturportal für die Region Ulm/Neu-Ulm

Manfred Zachs Roman Monrepos oder Die Kälte der Macht

Von einem, der die Macht lieben lernte

 

MonreposZachJedes Jahr müssen die Gärtner im Park von Monrepos die nachgewachsenen Äste einiger ganz bestimmter Bäume abschneiden – nämlich an jener Stelle, an der man durch das so entstandene Loch auf den Landtag unten im Schlossgarten sehen kann. Monrepos ist der hoch oben gelegene Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten samt Gefolge und die Herrschaften dort oben wollen gerne allzeit auf die Vertreter jener hinabblicken können, die dazu bestimmt sind, von ihnen regiert zu werden. Zu denen, die diese Aussicht genießen, gehört für etliche Jahre auch Bernhard Gundelach, dessen Geschichte der Roman Monrepos oder die Kälte der Macht, erschienen im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, erzählt. 

Assessor Gundelach auf dem Weg nach oben

Bernhard Gundelachs Karriere beginnt an einem Frühlingsmorgen im Jahr 1976 als der gerade einmal 27 Jahre alte Jurist im prächtigen Schloss Monrepos seine neue Arbeitsstelle antritt. Statt im Referat Wasserrecht und Wasserwirtschaft des Landratsamts herumzudümpeln, darf er nun für das Staatsministerium Pressarbeit machen. Dass die Presseleute ihr Revier nicht direkt im Schloss, sondern in einer Baracke, im immerhin auch prächtigen Schlosspark haben, hat er schnell verdaut, denn dort geht es locker zu. Man kommt morgens nicht allzu früh zur Arbeit, weil es am Abend vorher spät geworden ist und veranstaltet nach Feierabend Saufgelage bis es wieder spät ist.

Dazwischen wird aber doch auch gearbeitet, was für den jungen Gundelach heißt, dass er bald Ministerpräsident Breisinger kennenlernt und dieser ebenso bald Gefallen an ihm findet. Ruck zuck darf Gundelach eine Gruppe, die die Feiern zum Landesjubiläum vorbereitet leiten, was ihm zahlreiche Touren durch das Ländle, mal mit Ministerpräsident mal ohne beschert. Am Ende eines solchen Besuches, als sich die Türen des Busses mit dem die ganze Mannschaft unterwegs ist schließen, blickt Gundelach verträumt aus dem Fenster auf die zurückbleibenden Menschen und denkt sich „so ist das – ihr seid draußen, ich bin drinnen“. Auf einmal gehört er nicht mehr zu jenen, die dazu da sind, von Monrepos aus regiert zu werden, sondern er arbeitet für die, die regieren und ein Gefühl tiefer Befriedigung durchströmt ihn.

Spezielle Wahlkampfmethoden

Bald darf Bernhard Gundelach im Namen des Volkes Leserbriefe zugunsten der CDU schreiben, denn nachdem er der Partei beigetreten ist, wird er in eine Arbeitsgruppe berufen, die den Wahlkampf vorzubereiten hilft. Zwar machen die zu Regierenden ihre Sache im Großen und Ganzen gut, sie jubeln dem Ministerpräsidenten zu, beehren ihn mit Zwetschgenwasser und Schinken und begrüßen ihn mit holprigen Reimen, dennoch will man sich auf Monrepos nicht völlig darauf verlassen, dass sie allzeit wissen, wer zu wählen ist. So hilft man etwas nach, um den Wankelmütigen vor Augen zu führen, was ihnen blühen könnte, wenn sie den Sozialisten an die Macht verhelfen. Den darauf folgenden Wahltriumpf kann Ministerpräsident Breisinger jedoch nicht lange genießen, er muss bald darauf zurücktreten, weil seine Vergangenheit als Marinerichter im Nationalsozialismus bekannt wird.

Gundelach jedoch hat das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen und, als sich Breisingers Niedergang abzeichnete, dem Innenminister Oskar Specht zugesagt, künftig für ihn zu arbeiten. Weil Specht dann Ministerpräsident wird, bleibt Gundelach auf Monrepos und wird dessen Mann in der Grundsatzabteilung, wo unter anderem Parteiprogramme verfasst werden.

Regierungssprecher Gundelach

Specht aber ist ein anderes Kaliber als der eher bedächtige Breisinger. Stets rastlos, ist er permanent auf Reisen und will allen zeigen, dass er auch ohne Abitur ein ganz Großer ist. So fällt ihm bald ein, dass er ein Buch schreiben könnte, und der das Schreiben für ihn erledigen muss, ist natürlich Gundelach. Das Werk wird begeistert aufgenommen, der Ministerpräsident landet in den Bestsellerlisten, Gundelach wird irgendwann Pressesprecher und die Ehefrau zieht mit dem Sohn aus.

Der Jurist ist nun also einer von Spechts engsten Mitarbeitern und auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Großes scheint möglich, denn der Spiegel und andere Mächtige im Land wollen den Ministerpräsidenten zum Nachfolger von Kanzler Kohl machen, doch im letzten Moment kneift Specht. Das kommt bei vielen nicht gut an, ins Präsidium der CDU wird er nicht mehr gewählt, der Spiegel lässt den Mann, der sich nicht traute fallen, und während Specht wieder durch das provinzielle Ländle tourt, anstatt in Moskau als potenzieller Kanzler hofiert zu werden, ziehen die wahren Mächtigen im Land ihr längst gehortetes Wissen aus der Schublade und berichten scheibchenweise über des Ministerpräsidenten diverse Urlaubsreisen, die er sich von einem Freund aus der Wirtschaft zahlen ließ. So zieht die Traumschiffaffäre ihre Kreise, am Ende erklärt Specht seinen Rücktritt und Bernhard Gundelach verlässt Monrepos.  

Ein Schlüsselroman

ManfredZachFotosDass der Roman bei seinem erstmaligen Erscheinen 1996 für große Aufmerksamkeit sorgte, liegt sicher auch an seiner literarischen Qualität, in erster Linie aber natürlich daran, dass die Medien sofort einen Schlüsselroman in ihm erkannten, denn schließlich war offensichtlich, dass es sich bei Rudolf Breisinger um Hans Filbinger und bei Oskar Specht um Lothar Späth handelt, und in gewissen Kreisen wurde bei jeder einzelnen Figur darüber spekuliert, wer ihr in der Realität zuzuordnen sei. Weil Baden-Württemberg am 25. April seinen 60. Geburtstag feiert, legte der Klöpfer & Meyer Verlag im Februar das Buch mit einem kurzen Rückblick statt eines Vorworts neu auf, und in diesem legt Manfred Zach nun Wert darauf, dass Monrepos zuallererst die Geschichte Bernhard Gundelachs als eines „nach vielen Wirrungen am Ende doch noch zu sich selbst Findenden“ sei.

Ein Schlüsselroman bleibt das Buch natürlich trotzdem und Bernhard Gundelach, so steht es am Beginn des Werkes geschrieben, ist der Autor selbst, Monrepos − ein Name voller Ironie, bedeutet er doch „mein Ruheplatz“ und ein solcher sind Regierungszentralen selten und schon gar nicht unter Späth − ist die Villa Reitzenstein. Außer Filbinger und Späth werden noch ein paar weitere Figuren enttarnt, darunter Matthias Kleinert alias Tom Wiener, Zachs Vorgänger als Pressesprecher Späths.

Was unscharf bleibt: die Person Gundelach

Wer das Buch einmal zu lesen begonnen hat, will es wohl kaum mehr aus der Hand legen, denn Manfred Zach beherrscht das Schreiben und legt einen Roman vor, der oft saukomisch ist, etwa in der Beschreibung von Spechts ständigen Buchideen oder seinem Bemühen um Nähe zur Kultur, vor allem aber in der Erzählung, wie er zu seinem Doktor honoris causa kommt, den ihm ein ungewöhnlicher Professor verschafft. Dieser Professor, der zu einem engen Freund Gundelachs wird, stirbt später einen grauenvollen Krebstod und kein Ministerpräsident besucht ihn noch oder kommt auch nur zur Beerdigung. Wer ihm einmal geholfen hat auf dem Weg nach oben, der ist nichts mehr wert, wenn er seine Hilfe erbracht hat und von Specht nicht mehr gebraucht wird.

Während Gundelach, aus dessen Sicht erzählt wird, Specht als egomanische Witzfigur erlebt, deren fast stündlich produzierte Ideen andere ausarbeiten müssen und Wiener als Rabauken, der sich zu Specht verhält wie der Süchtige zum Rauschgift, bleibt Gundelachs Charakter merkwürdig unscharf. Die Beschreibung seines Verhaltens gerät sehr neutral. „Die Zeit der Schonung war vorbei“, heißt es einmal „da ging auch der Assessor Gundelach in sich, dachte an seine Zukunft und trat der CDU bei“. Wie einer, der sich zwar manchmal opportunistisch, aber im Vergleich zu den anderen doch sehr anständig verhält, wirkt Gundelach. Insgesamt betrachtet, scheint es Zach schwerer zu fallen, seine eigenen Verhaltensweisen so schonungslos zu charakterisieren wie die der anderen.

Ein Grüner auf Monrepos

Als Späth von der Macht verlassen wurde, verließ Zach die Villa Reitzenstein. So endete auch Bernhard Gundelachs Zeit auf Monrepos viele Jahre vor der Katastrophe von Japan und der Landtagswahl 2011. Der ehemalige Regierungssprecher, heute nicht nur Autor, sondern auch Ministerialdirigent im Sozialministerium, ist Interviews zufolge froh, dass er nicht mehr in der Regierungszentrale arbeitet. Für den Leser ist es direkt schade, denn es wäre interessant gewesen, aus Gundelachs Perspektive zu erfahren, wie sie es auf Monrepos wahrnahmen, als sich die Baden-Württemberger kurz vor dem 60. Geburtstag des Landes benahmen, als wären sie alle Schwaben, die, soeben vierzig und damit endlich gescheit geworden, entdeckten, dass sie ja doch andere Parteien wählen dürfen. Seither ist ein Grüner Ministerpräsident. Der wollte sogar zu den Menschen nach unten ziehen. Weil das teuer geworden wäre, regiert er nun auch von hoch oben aus, aber die Bäume lässt er bestimmt wachsen wie sie wollen.

Manfred Zach: Monrepos oder die Kälte der Macht, Kloepfer & Meyer, 500 Seiten, 17,50 Euro. Erschienen in 9. Auflage im Februar 2012.

Autorenfoto: Armin Bossenmaier

17. April 2012

Hat Ihnen die Besprechung gefallen? Sie können fehrgelesen unterstützen, indem Sie für die ganze Seite oder für diesen Artikel einen kleinem Betrag zukommen lassen. 

 

zurück