Paris, Sigmaringen
Search for:

fehrgelesen

Das Literaturportal für die Region Ulm/Neu-Ulm

Gabriele Loges Roman Paris, Sigmaringen oder die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern

(Eine) deutsch-französische Geschichte

 

ParisSigmaringenCoverAmalie Zephyrine von Hohenzollern führte ein ungewöhnliches Frauenleben. In Paris aufgewachsen, ehelichte sie als junge Frau den späteren Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, Anton Aloys. Nach kurzer Ehe floh sie aus dem Schloss, setzte sich später aber dennoch dafür ein, dass die Fürstentümer Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen ihre Selbstständigkeit behielten. Schließlich kehrte sie ins Fürstentum zurück, mit dem Zusammenkommen von Fürst und Fürstin wollte es freilich nicht mehr recht klappen, so wenig wie vor ihrer Flucht. Gabriele Loges Romans Paris, Sigmaringen oder die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, erschienen im August 2013 bei Klöpfer & Meyer, erzählt jedoch nicht nur die Geschichte der Fürstin.

Gabriele Loges, 1957 in der Nähe von Horb geboren, lebt heute als freie Autorin und Journalistin auf der Schwäbischen Alb und veröffentlichte bislang etliche Erzählungen und Gedichte. Paris, Sigmaringen ist nun ihr erster Roman. In diesem begibt sich Angelika aus Sigmaringen in Paris auf die Spuren Amalie Zephyrines von Hohenzollern. In der Hauptstadt der Liebe möchte sie nicht nur mehr über die Fürstin, die von 1760 bis 1841 lebte, herauszufinden, sondern auch ihre nie vergessene Jugendliebe Pierre, der sie immer noch nachtrauert, wiedersehen.

Eine aufschlussreiche Zugfahrt

Eine Woche hat Angelika in Paris verbracht, hat viele Orte besucht, die mit der Fürstin, einer geborenen von Salm-Kyrburg verbunden sind. Deren Familie hatte ihren Sitz zwar in Kirn an der Nahe, verbrachte jedoch ihr Leben vor allem im Umfeld des königlichen Hofes von Ludwig XVI. Auch ihre einstige Jugendliebe hat Angelika jeden Tag getroffen. Zu Beginn des Buches ist sie auf der Rückfahrt nach Sigmaringen und reflektiert nun, während der Zugreise, die Ereignisse der vergangenen Woche und mit ihnen das Leben der Fürstin sowie ihr eigenes. Am Ende, bei der Ankunft auf dem Bahnhof, hat sie eine Entscheidung darüber getroffen, wie es mit ihr und ihrer Liebe zu Pierre weitergehen soll.

Der Leser erfährt viel über die Fürstin, die in Paris ein kulturell reiches Leben führen darf, ehe sie mit dreiundzwanzig Jahren Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen heiratet. Das engstirnige Leben im Sigmaringer Schloss, wohin sie ohnehin erst lange nach der Hochzeit gezogen ist, wird ihr jedoch schnell zur Qual. Zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes flieht sie, ohne diesen, in Männerkleidung und lebt künftig überwiegend bei ihrem geliebten Bruder Friedrich, der mit Anton Aloys Schwester verheiratet ist. In der Französischen Revolution wird Friedrich, ursprünglich ein Befürworter des Aufstands, jedoch zum Verhängnis, dass er seine Meinung allzu offen sagt. Er wird, wie zahlreiche Freunde der Familie, guillotiniert. Amalie kümmert sich um die Erziehung seines Sohnes, der nun Vollwaise ist, denn seine Mutter ist bereits einige Jahre früher verstorben.

Einsatz für die hohenzollernschen Fürstentümer

Als Napoleon Europa neu gliedert, setzt sich Amalie dafür ein, dass die beiden hohenzollerschen Fürstentümer von der Mediatisierung verschont bleiben, denn sie ist mit Napoleons Frau Josephine befreundet und hat deshalb Zugang zu ihm. Als Gegenleistung darf sie ihren Sohn Karl wiedersehen. Später kehrt sie ins Fürstentum zurück, lebt jedoch, Anton Aloys‘ Wunsch entsprechend, nicht mehr bei ihm im Schloss. Zwar sehen sie sich täglich und der Fürst begegnet ihr mit Freundschaft und Respekt, seine Liebe aber gewinnt sie nicht mehr. Nach ihrem Tod, lange nach dem seinen, wird sie in Sigmaringen beerdigt.  

Dieser Frau, die sich die Freiheit genommen hat, der Provinz und der Gängelung durch die Familie ihres Mannes zu entfliehen, spürt Angelika also nach – sie, die verheiratet ist, sich aber immer noch nach ihrer Jugendliebe sehnt und deshalb eine Entscheidung treffen muss. Diese Jugendliebe Pierre hatte im Grunde erwartet, dass Angelika für ihn ihr ganzes Leben in Deutschland zurücklässt, so wie einst Anton Aloys, vor allem aber dessen Vater, erwartet hatte, dass Amalie ihr Pariser Leben komplett hinter sich lässt. So wollten Amalie Zephyrine und Anton Aloys, aber auch Angelika und Pierre einfach nicht recht zusammenkommen, weil die Erwartungen an die Partnerinnen zu groß und diese nicht bereit waren, sie zu erfüllen. Und so wie mit den beiden Paaren ist das auch mit den beiden Ländern. Angelika assoziiert, während ihre Gedanken die vorangangene Woche verarbeiten und sie über ihres und das Leben Amalies nachdenkt, auch immer wieder historische Ereignisse und Persönlichkeiten mit dem Erlebten. Das führt zum Teil zu langatmigen geschichtlichen Exkursen.

Mehr als ein Frauenleben

So dürften einige Leser am Ende enttäuscht sein, weil Amalie Zephyrines Bild auf dem Umschlag und der Titel sie auf ein Buch, das vor allem dem Leben der Fürstin gewidmet ist, schließen ließen. Dafür darf sich der aufmerksame Leser dazu angeregt fühlen, über die deutsch-französische Geschichte und das Verhältnis der beiden Länder und ihrer Bewohner nachzudenken – zum Beispiel darüber, ob es anders gekommen wäre, wenn starke Frauen wie Amalie Zephyrine eine größere Rolle gespielt hätten. Die Fürstin war so frei, sich in beiden Welten zu Hause zu fühlen, fühlte sich nicht weniger als Französin wie als Deutsche. Auch Gedanken an andere starke Frauen, die Angelika in irgendeiner Weise wichtig sind − solche, die wirklich gelebt haben wie Sophie Scholl oder Helen Hessel, aber auch Filmfiguren – durchziehen das Buch, ebenso Zeilen aus Gedichten von Else Lasker-Schüler.

Dann ist da noch Angelika selbst, das einst so eigenwillige Kind. Als dritte Tochter ihrer Eltern wurde sie geboren, erst danach kam der ersehnte Sohn. Das Abitur war für sie als Mädchen wohl nicht vorgesehen, sie holte es nach der Ausbildung nach und studierte anschließend. Auch sie ist also auf ihre Weise stark. Bei so vielen starken Frauen ist es vielleicht kein Wunder, dass die Autorin ihre Protagonistin Angelika neben deren eigenen Recherchen ganz auf die von Amalie Zephyrine selbst verfassten Memoiren als Informationsquelle vertrauen lässt. An ihnen vor allem orientiert sich der Roman. Die Mutter wollte für ihren Sohn ihre Geschichte aus ihrer Sicht schildern, „war im Alter Dirigentin ihres gelebten Lebens“, wie es im Buch heißt. So ist dieses zweifellos sehr parteiisch und lässt sie außerordentlich gut wegkommen. Angesichts der Tatsache, dass sich die männlich dominierte Geschichtsschreibung kaum für die Fürstin interessierte, ist das aber auch ganz in Ordnung so.

Gabriele Loges: Paris, Sigmaringen oder die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, Klöpfer & Meyer, 304 Seiten, 22 €. Erschienen im August 2013.

 

10. März 2014

 

Hat Ihnen die Besprechung gefallen? Sie können fehrgelesen unterstützen, indem Sie für die ganze Seite oder für diesen Artikel einen kleinen Betrag zukommen lassen. 

 

zurück