Tod in Ulm
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Adi Hübel Krimi Tod in Ulm

Frau Wunder und die Miss Marple von Söflingen

 

Eine junge Frau, ein paar Wochen zuvor erst aus Berlin nach Ulm gekommen, steht in Adi Hübels erstem Kriminalroman Tod in Ulm im Vordergrund. Kiki Wunder ist Kriminalassistentin zur Anstellung, des Schwäbischen nicht mächtig und mit einer eigenwilligen Vermieterin gesegnet. Nach einer unguten Erfahrung in Berlin ist sie solo und – wie es sich für einen Krimi gehört – bald mit der Lösung ihres ersten Ulmer Mordfalls beschäftigt.

Mord in Söflingen

Adi Hübel war in der Ulmer Region bislang hauptsächlich als Theatermacherin und Lyrikerin bekannt, jetzt legte sie ihren ersten Krimi vor. Tod in Ulm erschien im Mai im Bad Schussenrieder Gerhard Hess Verlag. Hübel selbst wohnt in Söflingen und dort lässt sie auch ihre zwei Monate zuvor aus Berlin gekommene Ermittlerin Kiki Wunder Wohnstatt nehmen. Als diese eines Morgens, sie ist Radlerin und mit dem Ulmer Verkehr noch nicht so vertraut, etwas verspätet in den Neuen Bau, das Ulmer Polizeipräsidium, kommt, stellt sich heraus, dass sie es mit ihrem ersten Ulmer Mordfall zu tun bekommt. Ausgerechnet in Söflingen, im Klosterhof, wird ein Toter aus der Blau gezogen, von dem sich schnell herausstellt, dass er ermordet wurde. Bald steht fest, dass es sich um Hannes Bader handelt, Schwiegersohn des Apothekers Riedle, der in der Fußgängerzone gerade ein neues Ärztehochhaus bauen lässt.

Reizende Damen und feine Herren

Bader, Sohn eines Bäckermeisters, war nicht der Traumschwiegersohn des Apothekers. Er hatte nach versemmeltem Jura-Examen irgendwann die Gastronomie im Ulmer Tierpark übernommen und versuchte zuletzt mit dem Bau von Multifunktionshallen in Ulm und Norddeutschland reich zu werden. Doch leider führte der Versuch in die Insolvenz. Dass er beruflich nicht zu den allererfolgreichsten gehörte, störte viele Frauen indes nicht und so sammelte sich eine stattliche Zahl Geliebter an. Zusammen mit der betrogenen Ehefrau, deren räsem Schwiegervater sowie ein paar feinen Herren aus der Ulmer Gesellschaft, die Geld, von dem das Finanzamt nichts wusste, in Baders Hallen investierten, ergibt das eine noch stattlichere Zahl Verdächtiger. An Kiki Wunder und ihren Kollegen liegt es nun, herauszufinden, ob einer von ihnen tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun hat oder ob die Spur nicht doch in eine ganz andere Richtung führt, denn der gewesene Hallenkönig hatte ja auch Nordhorn und Dormagen mit Multifunktionshallen versehen wollen.

Herumschlagen muss sich Kiki Wunder allerdings nicht nur mit der Mordermittlung, sondern auch mit ihrer Vermieterin Frau Zummermann, die es zunächst gar nicht gerne sieht, dass die Berlinerin ihr Fahrrad in den Hausflur stellt und die bald Gefallen daran findet, ihr bei ihren Ermittlungen hilfreich zur Seite zu stehen, was ihr in der Mordkommission den Spitznahmen „die Miss Marple von Söflingen“ einbringt. Dann gibt es da noch den schnittigen Ermittlerkollegen Friets Federle, der Kiki hofiert und die Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis in Berlin, die ihr zu schaffen machen. 

Altbekannt und heimelig

Der ulm- und söflingenkundige Leser wird einiges entdecken, das ihm bekannt vorkommt, wie es sich für einen Regionalkrimi gehört. Wenngleich die Definition des Genres umstritten ist, ist ein Krimi nach landläufiger Meinung dann ein Regionalkrimi, wenn die Gegend gut erkennbar wiedergegeben ist und bekannte gesellschaftliche Details beschrieben werden. Nicht selten führt das dazu, dass ihm ein eher heimeliger, kleinbürgerlicher Charakter eignet, denn er will kein bedeutendes literarisches Werk sein, sondern, Mord und Totschlag zum Trotz, ein gemütliches Leseerlebnis bieten, das die sogenannten kleinen Leute in der Regel sehr liebevoll charakterisiert, oft im Gegensatz zu den Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft.

In diesem Sinne ist Tod in Ulm ein richtiger Regionalkrimi, in dem mitunter geschwäbelt wird und die „Neu“-Ulmerin Kiki bald von den guten Seelen und Butterbrezeln schwärmt und sich für die Wochenmärkte am Münsterplatz und in Söflingen begeistert. Dazu kommen Maultaschen, Söflinger Bioladen und all die anderen kleinen Dinge, denen liebevolle Aufmerksamkeit zuteil wird – viel liebevollere als den gutsituierten Urologen, Lokalpolitikern und ominösen Institutsdirektoren hinter denen, wer möchte, doch tatsächlich leibhaftige prominente Ulmer wiedererkennen kann.

Starke Frauen

Nicht regionalkrimi- sondern eher frauenliteraturtypisch sind die Frauen, die im Buch eine besondere Rolle spielen. Kiki Wunder stammt aus einem Frauenhaushalt und es waren die schwächsten Frauen nicht, die sie großzogen, Mutter Siria und „die Omi“ werden als toughe Damen aus dem linksalternativen Milieu geschildert. Kiki selbst verließ zwar Berlin, weil sie dort Opfer eines Stalkers wurde – ein Trauma von dem sie sich erst allmählich erholt – schwach ist sie trotzdem nicht, jedenfalls nicht so schwach, dass sie sich ihren Stuhl von einem schnöseligen Friets Federle zurechtrücken lassen möchte. Kikis Berliner Negativerlebnis zum Trotz, behält auch in der Schilderung der sehr frauenaffinen Szenen ganz das Leichte die Oberhand, das gilt besonders, als sich im Verhältnis zwischen Kiki und dem schnöseligen Friets eine allmähliche Veränderung vollzieht. Ob es wirklich etwas wird mit den beiden, muss natürlich offen bleiben, aber nicht selten kommt es erstens anders, zweitens als man denkt. 

Adi Hübel: Tod in Ulm, Gerhard Hess Verlag, 334 Seiten, 9,90 Euro. Erschienen im Mai 2011.

14. Juni 2011

 

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